Kritik an der Religion hat Konjunktur. Nicht nur der Islam, sondern zunehmend auch Christentum und Judentum werden kritisch beäugt. Dahinter steckt ein weit verbreitetes Unbehagen gegenüber den Religionen, das sich in Blogs, Leserbriefen und Leitartikeln Bahn bricht. Die tägliche Beweislage erscheint derweil erdrückend: Koptische Christen stellen in den USA einen Schmähfi lm über den Propheten Mohammed ins Netz, woraufhin in der islamischen Welt die Botschaften brennen. Katholische Priester müssen sich vor Gericht wegen pädophiler Übergriffe verantworten – und andernorts verurteilt ein Kölner Gericht die rituelle Beschneidung von Jungen als unzulässigen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit. Religionen, so der Eindruck, sind ein Hort archaischer Riten und eine Quelle der Gewalt. Sie sind der Spaltpilz moderner Gesellschaften, ihre Botschafter die Verkündiger antiaufklärerischen Denkens und ihr Gott nicht weniger als ein »Gott des Gemetzels«[1]. So ist ein Diskurs entstanden, der ganz unverblümt die Frage aufwirft, ob es noch geboten ist, den Religionen mit Respekt und Toleranz zu begegnen.[2]

Aus der historischen Perspektive ist diese Frage nicht frei von Ironie, war es doch lange Zeit genau andersherum […]

Anmerkungen:

[1] Thomas Assheuer, Der Gott des Gemetzels, in: Die Zeit,29.07.2012.

[2] Vgl. Michael Schmidt-Salomon, Respekt? Wovor denn?, in: Zeit Online, URL: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2012-09/religion-ideologie-respekt [eingesehen am 25.10.2012].

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 4-2012| © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2012