Was gesellschaftlich nonkonformistisch ist, bestimmt sich durch sein Gegenteil: den gesellschaftlichen Konformismus, die Anpassung an herrschende Normen, Deutungen, Denk- und Verhaltensweisen. Beispielsweise würde heute kaum jemand Frauen, die hierzulande unverheiratet bleiben oder erst Mitte dreißig, nach ihrer Ausbildung und ersten Berufserfahrung, eine Ehe eingehen, als nonkonformistisch einstufen. Vor nicht allzu langer Zeit aber waren solche Frauen gesellschaftliche Außenseiterinnen. Diese Beobachtung ist wenig überraschend, macht aber auf einen wichtigen Grundsatz der wissenschaftlichen Analyse von Konformismus und Nonkonformismus aufmerksam: Diese lassen sich nicht in abstracto definieren, sondern hängen von sozialen Konstellationen und Möglichkeiten ab und können nur in konkreten und damit begrenzten Kontexten bestimmt werden.

Zum Verständnis des (Non-)Konformismus der Gegenwart hat Norbert Bolz vor wenigen Jahren im Merkur, basierend auf einer zuvor veröffentlichten Monografie, eine kurze, wendungsreiche Analyse vorgelegt, deren Pirouetten noch einmal nachzuvollziehen lohnt.[1] Seine Ausgangsprämisse habe ich selbst eingangs postuliert: Nonkonformismus ist Dissens, die Abweichung von herrschenden Denk- und Verhaltensweisen. Der Mainstream moderner und postmoderner Gesellschaften weist allerdings Bolz zufolge eine eigentümliche Beschaffenheit auf: Er sei durch Anderssein, Individualität und Diversität, kurz: Nonkonformität gekennzeichnet – historisch eine Reaktion auf die wachsende gesellschaftliche Abhängigkeit und Ersetzbarkeit jedes Einzelnen, die durch die Betonung von Einzigartigkeit und Besonderheit kompensiert werde. Gegenwärtig obwalte daher der »Konformismus des Andersseins«. Mit dieser These befindet sich Bolz, weit mehr als er vielleicht ahnt, in geistiger Nähe zu Theodor W. Adorno, der bereits den Nonkonformismus seiner Zeit als Pseudoindividualismus und zutiefst konformistisch gegeißelt hat.

So weit, so bekannt und plausibel. Als problematisch entlarvt sich Bolz’ Bestimmung jedoch, wenn sie im nächsten Schritt die Ebene der Analyse zugunsten einer politischen Einordnung und Forderung verlässt. […]

Anmerkungen:

[1] Vgl. Norbert Bolz, Der Reaktionär und die Konformisten des Andersseins, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Jg. 65 (2011), H. 9/10, S. 781–789.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 3-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016