Jeden Morgen nahm Ernst Jünger ein Bad. Währenddessen trank er ein Glas Sekt, gewissermaßen ein Prosit auf die décadence. Im Ernst-Jünger-Haus in Wilflingen ist das Badezimmer noch heute zu besichtigen. Der Duschvorhang ist rosa, ebenso der Teppichvorleger und die Handtücher. Man denkt bei diesen wenigen Quadratmetern der Spießigkeit vielleicht an eine Szene aus einem Heinz-Erhardt-Film und will nicht glauben, dass hier der in »Stahlgewittern« gehärtete Autor planschte. Immerhin eiskalt musste das Wasser sein – und das auch noch im Alter von hundert Jahren. Ganz verschwunden war die soldatische Attitüde also nicht; wenngleich die bürgerliche Nasszelle mit rosafarbenen Akzenten jegliche Kasernenatmosphäre negierte. Jüngers spartanischer Gestus erhielt dadurch beinahe etwas Possierliches, als sei der Krieger nun domestiziert.

Der große Nonkonformist, den man bis heute in Jünger sehen will, zeigt sich in diesem Ambiente jedenfalls nicht. Die Reputation, die der buchstäbliche Jahrhundertschriftsteller in der Bundesrepublik genoss, war beachtlich: Bis zu seinem Tod im Jahr 1998 empfing Jünger in Oberschwaben bedeutende Gäste aus dem In- und Ausland: Bruce Chatwin, Jorge Luis Borges, Heiner Müller, Martin Heidegger, sogar François Mitterrand, der gemeinsam mit Helmut Kohl und Frank Schirrmacher eine Stippvisite machte. 1959 erhielt der Träger des militärischen Ordens »Pour le Mérite« das Große Bundesverdienstkreuz – auf das mit Stern musste er bis 1977 warten –, und auch sonst wurde er regelmäßig artig mit Preisen bedacht – wenngleich es immer wieder Proteste gegen solche Ehrungen gab. Während Jünger 1982 seine Dankesrede für den »Goethepreis« in der Frankfurter Paulskirche hielt, demonstrierte man draußen lautstark.

In der Tat hatte Jünger viele Feinde in der Bundesrepublik. Die meisten jungen Autoren hielten Abstand, die Literaturkritik ironisierte, ignorierte oder verteufelte ihn weitgehend und in der Öffentlichkeit haftete ihm der Ruf des Umstrittenen und Berüchtigten an. […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 3-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016