Was genau ist unter abweichendem Verhalten zu verstehen? Und wie ist aus wissenschaftlicher Perspektive nach Devianz zu fragen?

Noch in den 1960er Jahren hätte man mit einer einfachen Antwort auf diese Frage rechnen können: Unter abweichendem Verhalten verstand man in der Soziologie »normbrechendes Verhalten«. Als Normen galten gesellschaftlich durchgesetzte Verhaltensanforderungen. Im Anschluss vor allem an Emile Durkheim wurde angenommen, dass Normen objektiv vorfindliche, von den Individuen unabhängige, ihnen gegenüberstehende, äußerliche Tatsachen seien. Erkennbar sei die Existenz einer Norm vor allem an den Folgen des Verstoßes gegen sie, an der Strafe. Dieses Verständnis von abweichendem Verhalten versprach klare Definitionen der Arten abweichenden Verhaltens. Je nach Norm ließen sich Abweichungen klassifizieren.

Dieses – wie man in der Devianzsoziologie gern sagt – »objektivistische« Verständnis abweichenden Verhaltens wurde dann in den folgenden Jahren mehr und mehr problematisiert, und zwar von zwei Seiten: Vor allem interaktionstheoretisch orientierte SoziologInnen zweifelten zum einen daran, dass man mit einem solchen Normverständnis abweichendes von konformem Verhalten unterscheiden könne. Zwar sei nicht zu leugnen, dass Normen als sprachliche Konstrukte vorhanden seien; solche Konstrukte hätten aber nicht den Charakter einer den Menschen äußerlichen Tatsächlichkeit. Vielmehr bestünden sie aus Vorstellungen, die in unterschiedlichen situationellen Zusammenhängen aktualisiert und spezifiziert würden. […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 3-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016