Zumindest Sozialdemokraten, wenngleich selbst keineswegs mehr strahlende Bannerträger stürmischen Veränderungsfurors, lieben es, in Wahlkampfzeiten die christdemokratischen Gegner verächtlich als »Konservative« zu brandmarken. Das sozialdemokratische Kalkül ist unschwer zu erkennen. Denn immerhin, so hat zumindest eine Erhebung des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Jahr 2010 ergeben, reagieren 55 Prozent der Bundesdeutschen mit dezidierter Antipathie, wenn sie den Begriff »konservativ« zu hören bekommen; sie denken dann an eine geistige Enge, auch an einen moralischen Rigorismus,»gegen den sich die moderne Gesellschaft  sträubt«[1]. Nicht zuletzt deshalb sind sich die Christdemokraten selbst seit Jahren höchst unsicher, ob sie überhaupt noch konservativ sein mögen. Vor allem: Sie können weder sich noch anderen plausibel erklären, was denn eigentlich im Jahr 2015 die Schlüsselvorstellungen und Leitideen eines zeitgemäßen Konservatismus sind. Schon in der allmählich verblassenden Partyzeit des fröhlichen anything goes fragten sie sich mindestens still und heimlich, ob konservative Normen überhaupt noch, auch für sie selbst, erstrebenswert seien, auf Bedarf stoßen.

Leere Marmorklippen

So nahm die Zahl der klassisch Konservativen zumindest innerhalb der Christlich Demokratischen Union Jahr für Jahr ab. Die Lebenswelten gottesfürchtiger Kirchgänger, treuer Ernst-Jünger-Anhänger, raunender Martin-Heidegger-Epigonen und dezisionistischer Carl-Schmitt-Schüler schrumpften beträchtlich. Weder Stahlgewitter noch Marmorklippen oder Holzwege bildeten lockende Orte für die Bundesdeutschen. Einem modernen Konservatismus fehlten dazu halbwegs originelle Denker […]

Anmerkungen:

[1] Renate Köcher, Politik in der pragmatischen Gesellschaft, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.02.2010.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 3-2015 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2015