Herr Blühdorn, Sie sind Autor des im April im Suhrkamp Verlag erschienenen Buches »Simulative Demokratie«. Es heißt immer, die Klagen über die Demokratie seien so alt wie die Demokratie selbst. An Krisendiskursen und Diagnosen über die Unzulänglichkeiten der Demokratie mangelt es jedenfalls nicht. Warum haben Sie sich dennoch dazu entschlossen, eine neue Charakterisierung der Demokratie zu entwerfen?

Die Demokratie gibt es ja nicht, und es hat sie nie gegeben. Vielmehr gibt es eine Vielzahl von recht unterschiedlichen und immer neuen Versuchen, demokratische Normen, also Vorstellungen davon, wie ein demokratisches Gemeinwesen aussehen sollte, in politische Institutionen und politische Praxis umzusetzen. Und diese normativen Vorstellungen sind ihrerseits nicht nur sehr vielfältig, sondern sie sind auch sehr veränderlich. Entsprechend stellt sich die Aufgabe, das in bestimmten politischen Gemeinschaften jeweils vorherrschende Verständnis von Demokratie auszuloten, die politischen Realitäten an den sich wandelnden demokratischen Normen zu messen, möglicherweise selbst Krisendiagnosen zu stellen und auf jeden Fall bereits vorhandene Krisendiskurse zu kartieren, zu erklären und zu bewerten, immer wieder neu. Gegenwärtig ist das besonders wichtig […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 3-2013 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2013