Was hat Architektur mit dem Leben in der Stadt zu tun?[1] Diese Frage gibt seit über 2.000 Jahren zu denken, auch im 20. Jahrhundert noch – und dies grundsätzlicher als je zuvor in der Architekturgeschichte. Impulse kamen einerseits aus der modernen Architektur, andererseits aus Philosophie, Soziologie, Anthropologie und Psychologie, darunter auch die »Phänomenologie«, ein Ansatz zum Verständnis der Welt, bei dem alles, was ist, als vom Menschen her konstituiert angenommen wird. Hierbei handelt es sich weniger um eine in sich geschlossene Disziplin als um einen fächerübergreifenden wissenschaftstheoretischen Ansatz. Wir beschränken uns hier auf die Architekturphänomenologie.[2]

Phänomenologie und Urbanität – erstes Hindernis in den Geisteswissenschaften

Für die klassische Architekturphänomenologie, so möchten wir sie hier nennen, stellt das Verhältnis von Phänomenologie und Urbanität ein Problem dar. Zumeist wird es als Gegensatz aufgefasst. Dieser Schluss liegt in einigen Dualismen begründet: Hier ist erstens eine strikte Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit zu nennen, der zufolge die Stadt (in den Disziplinen wie Stadtplanung, Städtebau, Stadtsoziologie) den Raum der Öffentlichkeit und des Gesellschaftlichen repräsentiert, die Wohnhäuser hingegen als Ort des Privaten und Persönlichen verstanden werden. Zweitens werden die wissenschaftlichen Experten den Laien des Alltags entgegengestellt. Antithetisch wird darüber hinaus Denken einerseits, Fühlen andererseits aufgefasst, ein unvereinbarer Widerspruch schließlich zwischen einer Planung von oben (ohne die Beteiligung der Betroffenen) und einer Planung von unten (unter Ermangelung jeglicher professionellen Reflexion und Sachkunde) gesehen. […]

Anmerkungen:

[1] Wir wissen, dass es wegen der vorgegebenen Kürze des Beitrags unmöglich ist, die nun folgenden Thesen ausführlich zu begründen. Wir möchten die Leser aber über eine gegenwärtige Diskussion informieren. Wir verstehen die Literaturverweise nicht als Namedropping, sondern als Referenz.

[2] Es gibt einen engeren und einen weiteren Architekturbegriff, der engere meint Gebäude als bauliche Anlagen, der weitere alles, was mit der baulichen Veränderung der Umwelt zu tun hat, insbesondere Gebäude, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur und den Städtebau. Wir benutzen hier diesen weiten Architekturbegriff. Einen kritischen Überblick über die klassischen Ansätze der Architekturphänomenologie gibt Eduard Führ, Inside Out, in: Ausdruck und Gebrauch, Jg. 11 (2013) H. 11, S. 32–58.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2015 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2015