Die Idee zu seinem grandiosen Werk »Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart« überfiel den 2011 verstorbenen Tony Judt, als er im Taxi die Radiomeldung vom Aufstand gegen Ceaus¸escu hörte und mit einem Schlag wusste: »Eine Epoche war beendet«. Auf der Fahrt zum Wiener Westbahnhof erlebte der unter dem Eindruck der samtenen Revolution von Prag nach Wien gereiste Historiker Judt, dass der Umbruch in der Gegenwart die Vergangenheit umschrieb: »Der Kalte Krieg, der Ost-West-Konflikt, der Wettstreit zwischen ›Kommunismus‹ und ›Kapitalismus‹ […] – all das erschien nun nicht mehr als Produkt ideologischer Notwendigkeit oder der eisernen Logik der politischen Verhältnisse, sondern als zufälliges Ergebnis der Geschichte – und die Geschichte fegte alles beiseite.«1 Die Geschichte fegte alles beiseite – und die Historiker hatten keine Wahl, als hier hinterher zu kehren: »Nun erschienen die Jahre zwischen 1945 und 1989 nicht als Schwelle zu einer neuen Epoche, sondern als Zwischenzeit, als Anlaufphase eines noch unerledigten Konfliktes, der 1945 zwar zu Ende gegangen war, dessen Epilog aber weitere 50 Jahre dauerte. Welche Gestalt Europa auch annehmen würde, sein vertrautes Geschichtsbild hatte sich ein für allemal geändert. In diesem kalten mitteleuropäischen Dezember wurde mir klar, daß […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2013 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2013