Ein eigenartiges Phänomen von massenhafter Erschöpfung wurde in Europa in den Jahren vor und um 1913 erörtert.[1] Diese Erscheinung hatte unter den Namen »Neurasthenie«, »Nervenschwäche« und »Nervosität« in die Fach- wie auch in die Laienpresse Eingang gefunden. Der amerikanische Arzt George Beard beschrieb erstmals im Jahre 1880 die Neurasthenie oder American Nervousness und verknüpfte diese Erscheinung mit der modernen Welt und ihrem Lebensalltag.[2] Dadurch unterschied sich die Neurasthenie u. a. von der Hysterie, die schon seit der Antike bekannt war, aber im Laufe der Jahrtausende einen beeindruckenden Gestaltwandel durchgemacht hatte. Bereits 1881 erschien das Buch von Beard in deutscher Übersetzung. Innovationen in dieser modernen Welt, die Symbolcharakter für die Moderne annahmen, waren Eisenbahn, Telegraphie und Elektrizität, alle in verschiedener Weise mit der Beschleunigung von Reisen und der Kommunikation verbunden. Die Konsequenzen dieser Neuerungen wurden mit einer Mischung von Faszination und Besorgnis breit erörtert.

Heute hält eine ähnliche Erschöpfung, das sogenannte Burn-out, die Medien wieder in Atem, und Parallelen dieser beiden Erscheinungen sind nicht zu übersehen. So scheinen weit verbreitete Erschöpfungsphänomene […]

Anmerkungen:

[1] Einen Einblick in die damalige internationale Diskussion liefern Marijke Gijswijt-Hofstra u. Roy Porter (Hg.), Cultures of Neurasthenia. From Beard to the First World War, Amsterdam/New York 2001.

[2] Vgl. Tom Lutz, American nervousness, 1903. An anecdotal history, Ithaca/New York 1991.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2013 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2013