Das patriotische Deutschland rüstete sich seit dem Sommer 1913 für ein monströses Denkmalfest im westlichen Sachsen. Aber einige wollten partout nicht hingehen. Dabei waren sie keineswegs weniger vaterländisch gesinnt, nicht minder der Heimat und der Nation zugetan. Auch opponierten sie nicht gegen den Kaiser, trotzten weder Volks­ noch Preußentum. Nur am Spektakel im Südosten von Leipzig wollten sie nicht teilnehmen. Dort hatte man bereits seit 1897, 15 lange Jahre also, an einem massigen Denkmal gebaut, das an die Völkerschlacht hier gegen Napoleon Bonaparte erinnern sollte. Die Einweihung des 91 Meter hohen Monuments wurde auf den 18. Oktober platziert. Natürlich war seine Majestät, Kaiser Wilhelm II., zugegen, nebst mehreren anderen Fürsten und Königen. Der akademische Nachwuchs marschierte in den organisierten Reihen von studentischen Korporationen und Verbindungen farbenkräftig auf.

Doch, nochmals, einige fehlten, gerade aus dieser Schicht und Kohorte der Studentenschaft. Sie obstruierten nicht den Anlass der Leipziger Festivität, standen nicht im Gegensatz zum Hause Hohenzollern. Aber sie störten sich an der konventionellen Kultur der nationalen Feste, an den Kommersen uniformierter Studenten, am Alkohol, der dort floss, am Tabakdunst, der allgegenwärtig war, am Gegröle, das zum Ende der Veranstaltungen regelmäßig aufkam. Für die Leipziger Denkmaleinweihung war mit alldem wieder zu rechnen. Daher zog es diejenigen, die das nicht goutierten und von denen viele in Göttingen, Marburg und Jena studierten, in die Lebensreform und Natur, im Oktober 1913: zu einem alternativen Ort der Erinnerung an die Befreiungskriege. Man traf sich auf einem 753 Meter hohen Berg in der deutschen Mitte, vierzig Kilometer östlich von Kassel, fünfzig Kilometer südlich von Göttingen gelegen, mit einem weiten Hochplateau, das sich daher bestens für eine größere Anzahl von Teilnehmern und Darbietungen eignete. Wir reden vom Meißner im Fulda­Werra­Bergland, der Heimat, wie erzählt wird, von Frau Holle, die hier ihre berühmt gewordenen Betten ausschüttelte.[1] Die juvenilen Initiatoren der Gegenveranstaltung zum großposigen Leipziger Denkmalsakt[2] strebten auf dem Meißner eine Begegnung ganz im »Geiste der Jugendbewegung« an.

Die Jugendbewegung war seit der Jahrhundertwende der Dernier Cri im gebildeten Bürgertum. Überhaupt herrschte kein Mangel an Jugend im Deut­ schen Reich um 1900. Man zählte damals 56,4 Millionen Einwohner; davon waren gut 25 Millionen jünger als zwanzig Jahre.[3] Deutschland war jung – als Nation, als Staat, als Industriegesellschaft. Doch war die Kategorie der Jugend nicht in erster Linie biologisch gefasst, war nicht der bloße Sammelbegriff für 14­ bis 21­jährige junge Menschen. Neu war, dass sich diejenigen, die sich nun selbst zur Jugend zählten, als etwas Eigenes verstanden, das sich abhob von der Lebensart der Älteren und das sich in der Erfahrungswelt von Gleichaltrigen überlokal, gleichsam reichsweit wiederfand. In der Jugend des späten Wilhelminismus drückten sich die Resultate und Wirkungen der jä­ hen sozialen, ökonomischen und kulturellen Transformationsschübe während des letzten Drittels im 19. Jahrhundert aus. In der Gesellschaft dominierten weiterhin noch Verhaltensmuster, Einstellungen und Wertemaßstäbe, die aus den Zeiten des ersten Wilhelms und des großen Bismarcks stammten, aber im frühen 20. Jahrhundert nicht mehr recht passten. In solchen Momenten pflegen die Sozialisationsmotoren zu stottern, da junge Leute in der Zeit ihrer Orientierungsfindung Widersprüchlichkeiten zwischen realen Lebensformen und rhetorischer Ausdeutung höchst sensibel bemerken. Das ist oft genug der Ausgangspunkt für einen Konflikt der Generation, letztlich: für eine Anpassung der Sozialisationsnormen an veränderte Gegebenheiten.

Avantgarde des gebildeten Bürgertums

Doch darf man nicht zu schnell zu pauschal werden. Im Grunde vereinnahmt allein der Begriff »Jugend« mehr, als er historisch wirklich erfasst hat. Zu­ mindest die Jugendbewegung des frühen 20. Jahrhunderts setzte sich nur aus einer Minorität der damals heranwachsenden Deutschen zusammen. Die Akteure dieser Jugendbewegung verstanden sich auch als Avantgarde, nannten sich stolz selbst Elite, fühlten sich als besondere Auslese. Man musste schon über Zeit und Muße, über eine spezielle kulturelle Ausstattung verfügen, um Jugendkultur konstituieren und ausfüllen zu können. Arbeiterjugendliche konnten dabei zunächst nicht teilhaben, auch nicht Bauernkinder, nicht einmal die Zöglinge von Angestellten, Krämern oder Wirtschaftsbürgern. Die Jugendbewegung der Jahrhundertwende war Produkt der Bildungsbürger­ lichkeit; ihr Entstehungsort war das Gymnasium. Diese Geschichte ist oft erzählt worden, daher kann man sich knapp halten. Alles begann in Steglitz, so um das Jahr 1896, mit einem Studenten der Rechtswissenschaft und Liebhaber der Stenografie. In seinen Kursen zur Kurzschrift animierte er Schüler aus den oberen Klassen des Steglitzer Gymnasiums zum gemeinschaftlichen Wandern. Erst nahm man sich den Grunewald zum Ziel, dann marschierte man weiter ins Nuthetal, südlich von Berlin.[4] Und so dehnte man die Wanderungen und Fahrten Jahr für Jahr aus, bis es an den Rhein ging.

Als der Stenograf, Hermann Hoffmann, die Stadt und das Reich aus beruflichen Gründen verließ, folgte ihm ein Gymnasiast aus seiner Wandergruppe, Karl Fischer. Die jugendbewegte Geschichtsschreibung machte Fischer in den folgenden Jahrzehnten zur Kultfigur, zur Ikone eines autonomen Jugendprotests gegen Eltern und Schule. Er, nicht Hoffmann, galt fortan als Gründer der Bewegung.[5] Dabei war Fischer ein rechter Sonderling, wie man ihn häufig in den Anfangsjahren sozialer Bewegungen und Generationskulturen findet. In der Schulzeit, während des Studiums, im Beruf gelang ihm wenig. Salopp könnte man ihn als eine gescheiterte Existenz bezeichnen. Dafür ging er ganz in der Organisation der Steglitzer Gymnasialwanderer auf. Er machte aus der losen Gruppe 1901 einen stabilen Verein, den »Wandervogel. Ausschuss für Schülerfahrten«, zog feste Strukturen ein und begründete eine Art Autokratie.[6] Er, Fischer, stand an der Spitze, alle hatten ihm, Fischer, zu huldigen, seinen, Fischers, Weisungen Folge zu leisten. Mit Fischer wanderte man nicht, man marschierte. Er legte Wert auf militärische Disziplin, ermunterte seine Adepten zu Kriegsspielen in freier Natur. Gerade die Jüngeren im Wandervogel verehrten ihn, liebten ihn für sein Soldatentheater. Doch je älter die Wandervögel wurden, desto stärker störten sie sich an der eitlen Egozentrik Fischers. Die Gefolgschaft bröckelte, der Prophet des Jugendreiches war zutiefst verletzt, verließ seine Gemeinschaft, die ihm bis dahin doch alles bedeutet hatte. Er ging 1906 nach China, kehrte erst 1920 zurück, nach Steglitz. Dort verharrte er einsam, kontaktlos, ohne Engagement und Erwerb in der Wohnung seiner Mutter. Bis zu seinem Tod 1941 brach der frühere Aktivist der ersten Stunde nicht mehr aus seiner Apathie und Erstarrung aus. Nochmals: Auf dergleichen Skurrilitäten und tragische Lebensgeschichten stößt man oft, wenn man sich mit den Pionieren anspruchsreicher Bewegungen beschäftigt. Aber in ihrer Zeit als Aktivisten bewegte dieser Typus, wenn die Konstellationen dafür günstig waren, doch Einiges. Dann setzten sich Ehrgeiz, Un­ bedingtheit, Messianismus, auch rauschhafte Betriebsamkeit in beträchtliche Organisationsenergien und Führungskraft um. Man wird wohl nicht die Metapher des »Flächenbrandes« bemühen dürfen, um die Ausbreitung des Wandervogels von Steglitz in das Reich hinein zu charakterisieren. Doch beeindruckend war schon, wie sehr in den Landschaften mit prägenden protestantischen Bildungseinrichtungen die neue Jugendkultur binnen eines Jahrzehnts um sich griff. In etlichen Städten konnte man in den Vorkriegs­ jahren, wenn man Frühaufsteher auch an Wochenenden war, auf Trupps jugendlicher Wanderer stoßen, die sich in ihrem typischen Erscheinungsbild Richtung Wald, Wiesen, Schloss und Burgruinen außerhalb der Urbanität aufmachten. Die Jungs trugen kurze Hosen, führten einen Hordentopf und einen Spirituskocher für die frugalen Mahlzeiten mit. Übernachtet wurde im Heuschober. Und man hörte sie ständig singen, begleitet von der »Zupfgeige«, wie man in diesen Kreisen die Gitarre bezeichnete, in spöttischer Abhebung von den im bürgerlichen Milieu weit höher geschätzten Musikinstrumenten kultivierter Hausmusik. Ein Student der Medizin, der aus dem Wandervogel kam, sammelte das Liedgut seiner Jugendkumpanen und kompilierte es zu einem Buch, dem »Zupfgeigenhansel«, das 1910 erschien und zu einem erstaunlichen Bestseller avancierte, da sich innerhalb der folgenden 15 Jahren rund 750.000 Exem­ plare der Liedersammlung verkaufen ließen.[7]
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Befreiende Spaltungen

Man mag das als Indikator für Einfluss und Wirkung dieser Jugendkultur nehmen. Als Organisation erreichte der Wandervogel nicht die gleichen imposanten Werte. 1913, im Jahr der Feste in Leipzig und auf dem Meißner, gehörten dem Wandervogel rund 25.000 Mitglieder in knapp 800 Ortsgruppen an.[8] In der Dekade zuvor hatte es auch hier, wie in den Kinderjahren von sozialen Bewegungen üblich, mehrere Spaltungen, Wiederannäherungen, neuerliche Schismen und Querelen gegeben. Die Protagonisten in diesen Vorgängen bemühten – auch hier: wie gewohnt – einige ideologische Versatzstücke für ihr Treiben, was in erster Linie aber auf persönliche Ambitionen und Eifersüchteleien zurückzuführen war. Die Jugendbewegung jener Anfangsjahre war keineswegs programmatisch inspiriert, war nicht durch eine dezidierte politische Absicht in Gang gesetzt worden. Man hat den Wandervogel später gerne als oppositionellen Jugendprotest zu veredeln versucht, als Reformkraft gegen wilhelminischen Pomp, kleinbür­ gerliche Lebensweisen, den Vormarsch naturwissenschaftlicher Professionen, tönernen Patriotismus, auch als Widerstand gegen autoritäre Lehr­ und Erziehungsmethoden in Schule und Elternhaus. Doch weit markanter fällt ins Auge, wie harmonisch der frühe Wandervogel mit Eltern und Lehrern seines Milieus kooperierte, diese auch brauchte als Patrone für die Vereinsbildung. Das Gros der Wandervögel kam aus liberal geführten Häusern und Oberschulen, hatte nicht unter Kadavergehorsam oder Drill zu leiden gehabt.[9] Ihre Eltern, auch selbst ein wenig zumindest vom Esprit der Lebensreform affiziert, animierten die Kinder regelrecht, bei den gesunden Wanderungen an der frischen Luft mitzumachen. Den 13­ bis 17­Jährigen, die zu Beginn diese Jugendbewegung dominierten, war das recht. Ein Wochenende mit Gleichaltrigen auf Wanderung oder Fahrt bedeutete zwei Tage kein Klavierunterricht, keine Geigenstunde, keine Nachhilfe in Latein oder Griechisch. Stattdessen war man unbeaufsichtigt, man konnte seine eigenen Lieder singen, sich etwas exzentrisch kleiden, exzessiv Sport treiben, ein paar Abenteuer erleben, nicht zuletzt: mit anderen rund um die Uhr zusammen sein. Das brachte ihnen, im Vergleich zu früheren Jahrzehnten und im Vergleich zur Lebenswelt der allermeisten anderen Menschen, einen Zuwachs an Freiheitsraum, ein Mehr an Erlebnissen im unmittelbaren Sinn.[10] Das genoss die Jugend des Bildungsbürgertums, die in sicheren sozialen Verhältnissen lebte und deren berufliche Aussichten seinerzeit denkbar günstig erschienen. Im Wandervogel findet man keine frustrierten, gesellschaftlich blockierten Gruppen mit aggressiver Oppositionsneigung. In der klassischen Bildungsbürgerlichkeit der Werktage und dem jugendkulturellen Überschwang am Wochenende lagen Befriedigung und Genuss, aber kein Herd von Enttäuschungen und Bitterkeiten gegen die obwaltenden Verhältnisse.

Doch blieben die Wandervögel nicht auf ewig Pennäler. Sie wuchsen weiter heran, machten Abitur, verließen also das Gymnasium, schrieben sich an Universitäten ein. Das war für nicht ganz wenige der Zeitpunkt, dass sie dem Gemeinschaftswandern Ade sagten. Individuelle Liebeleien im intimen Duo nahmen nun einen höheren Rang ein als kommunitärer Volkstanz. Andere aber mochten sich auch als Studenten von ihren Jugenderlebnissen im Wandervogel nicht verabschieden.[11] Nur benötigten sie jetzt, als junge Männer und (weniger) Frauen, einen höheren Sinn, eine Art philosophisch­programmatische Begründung für ihr Tun, die Wanderung, die Naturschwärmerei, die Passion für Volkslieder und mittelalterliches Brauchtum. Mit der Studentisierung des Wandervogels zog das Weltanschauliche in die Bewegung, kamen Fraktionsstreitigkeiten auf. Auch die Initiative für das große Jugendfest auf dem Meißner im Herbst 1913 kam nicht mehrheitlich aus den Reihen des genuinen Wandervogels, sondern aus den Gruppen der »Deut­ schen Akademischen Freischar«, einer studentischen Korporation, zu der sich erstmals 1906 in Göttingen Ex­Gymnasiasten mit Wandervogelvergangenheit zusammengeschlossen hatten. Das war die eine, die endogene Entwicklung, die zur spirituellen Aufladung der jugendbewegten Szenerie führte.[12] Die andere kam von außen. Denn natürlich lockte der neue manifeste Jugendaktivismus allerlei Propheten, Verkünder und Missionare unterschiedlicher Provenienz an, die ihre Proselyten zu machen versuchten.[13] Erwachsene mit festen Weltbildern waren kein sonderlich fruchtbarer Acker für Demiurgen eines neuen Glaubens. Daher priesen die Religionsstifter und Lehrmeister die Jugend, noch jungfräulich und reich, formbar und neu zu begeistern. Die Kundgebung auf dem Meißner ging nicht allein, aber doch in guten Teilen auf diesen Typus zurück, Lebensreformer und Schulrevolutionäre im mittleren, zuweilen auch höheren Alter, als Jugendliche jedenfalls nur schwerlich noch zu qualifizieren.

Gustav Wyneken: Missionar der autonomen Jugendkultur

Die 1913/14 wohl bedeutendste, einflussreichste, von den einen angehimmelte, bei anderen aber die umstrittenste, am heftigsten abgelehnte Person dieser Façon war Gustav Wyneken. Er befand sich bereits im 39. Lebensjahr, als er für einen Teil der Jugendbewegung zur Führungs­ und Lichtgestalt wurde. Der Sohn eines Pfarrers aus Stade wurde in Philosophie promoviert, dann aber seine Lebensaufgabe als Erzieher einer neuen Jugend gefunden. Er hatte die Formel und das ideologische Gerüst von der »autonomen Jugendkultur« kreiert. In diesem Kontext siedelte auch seine Idee zu einer neuen, freien Schulgesellschaft. 1906 gründete er ein Landschulheim dieser Observanz im südlichen Thüringer Wald, in Wickersdorf, von vielen noch über Jahrzehnte verklärt, von anderen oft bitter als Sektenorden oder abgeschottetes Kloster gegeißelt, in dem die Schülerinnen und Schüler – die Koedukation war dort eingeführt – zu einer Clique von selbstgefälligen, hochnäsigen, elitären Alternativgurus herangezogen würden.[14] Missionarismus und Führungshybris waren im Auftreten und Schrifttum von Wyneken in der Tat zuhauf zu finden. Wyneken war ein glänzender Rhetoriker, der stundenlang frei, dabei suggestiv und einfordernd vortragen konnte. Als Hegelianer verstand er es, jederzeit dialektisch zu argumentieren, den »objektiven Geist« als Zielvor­ gabe für sein Erziehungssystem, das natürlich an Ganzheitlichkeit der Le­ bensführung ausgerichtet war, vorzugeben. Wer ihm folgte und dabei Stärke bewies, sich dennoch unterwarf – »Hingabe« gehörte zu den Postulaten des Landschulheims –, fand die Zuwendung des »Meisters«, wie ihn seine Lieblingsschüler gerne nannten. Wen er allerdings für schwach oder medioker hielt, wen er gar als Zweifler an seiner Lehre ausgemacht hatte, den strafte er mit Nichtbeachtung, den konnte er, schlimmer noch, mit Häme, Spott und Zynismus vernichten. Schon Lehrer in seinem Kollegium taten sich mit dem sarkastischen Auftritt schwer, unter den Schülern gab es einige, die daran zu zerbrechen drohten. Das Individuum galt Wyneken nicht viel, die Gemeinschaft besaß allen Primat. Auch das war eine Brücke zwischen den Wickersdorfer Schulideologen und der assoziativ geführten neuen Jugendkultur, die sich damit im Oktober 1913 öffentlich auf dem Bergmassiv an der Werra präsentieren wollte.[15]

Der Aufruf, mit dem dorthin mobilisiert wurde, war wesentlich von Wyneken verfasst worden, in der ihm eigenen Mischung aus Pathos, Distanz zum phrasenhaften Patriotismus und Appell zur juvenilen Runderneuerung von Volkstum, der Nation und dem Weltbürgertum zugleich:

»Die Deutsche Jugend steht an einem entscheidenden Wendepunkt. Die Jugend bisher nur ein Anhängsel der älteren Generation, aus dem öffentlichen Leben ausgeschaltet und auf eine passive Rolle angewiesen, beginnt sich auf sich selbst zu besinnen. Sie versucht, unabhängig von den Geboten der Konventionen sich selbst ihr Leben zu gestalten. Sie strebt nach einer Lebensführung, die jugendlichem Wesen entspricht, die es ihr aber zugleich auch ermöglicht, sich selbst und ihr Tun ernst zu nehmen, und sich als einen besonderen Faktor in die allgemeine Kulturarbeit einzugliedern. Sie möchte das, was in ihr an reiner Begeisterung für höchste Menschheitsaufgaben, an ungebrochenem Glauben und Mut zu einem adligen Dasein lebt, als einen erfrischenden, verjüngenden Strom dem Geistesleben des Volkes zuführen. Sie, die im Notfall jederzeit bereit ist, für die Rechte ihres Volkes mit dem Leben einzutreten, möchte auch im Kampf und Frieden des Werktags ihr frisches reines Blut dem Vaterlande weihen.

Sie wendet sich aber von jenem billigen Patriotismus ab, der sich die Heldentaten der Väter in großen Worten aneignet, ohne sich zu eigenen Taten verpflichtet zu fühlen, dem vaterländische Gesinnung sich erschöpft in der Zustimmung zu bestimmten politischen Formeln, in der Bekundung des Willens zu äußerer Machterweiterung und in der Zerreißung der Nation durch politische Streitigkeiten.«[16]

Wetter und Erinnerungen

Anfangs schien das erste nationale Treffen der Jugendbewegten in Deutschland indes auf ein Fiasko hinauszulaufen. Das hatte schon mit den widrigen Wetterbedingungen zu tun: Große Jugendaktivitäten im Freien bleiben in der Regel freundlich in Erinnerung, wenn an diesen Tagen die Sonne scheint und eine angenehme Wärme die Teilnehmer lockert. Aber als rund 2.000 bis 3.000 junge Leute Richtung Meißner zogen, war es kalt. Und es regnete in Strömen. Zunächst, am 10. Oktober 1913, begann das Treffen noch nicht als Vollversammlung, nicht auf dem Meißner selbst, sondern als eine Art Delegiertenkonferenz auf einer benachbarten Anhöhe, dem Hanstein, bereits in Thüringen gelegen.[17] Dort stand eine imposante Burgruine mit einem keineswegs kleinen Rittersaal. Aber er mochte die 500 Abgesandten nicht fassen; es drohte Einsturzgefahr. Man musste im Hof die Vorträge hören und die Debatten führen. Allein diese Umstände waren schwerlich geeignet, eine rationale, responsive Erörterung zu gewährleisten.

Aber das war auch gar nicht Absicht der meisten Redner. Auf dem Hanstein hatten sich Vertreter – nicht wenige davon schon über vierzig Jahre alt – aller möglichen Bünde und Konventikel aus den diversen Reform­, Bildungs­, Abstinenz­, Siedlungs­ und Menschheitswerdungsbewegungen des Deutschen Reichs eingefunden. Alle ritten ihr spezifisches Steckenpferd, jeder versuchte neue Jünger zu rekrutieren. Ein Klärungsprozess, den man doch ursprünglich angestrebt hatte, kam erst gar nicht zustande. Gustav Wyneken immerhin hatte Gespür für die Depressionen und Enttäuschungen, die sich unter den Jugendlichen breitmachten, und warnte vor den egozentrischen Instrumentalisierungsbemühungen der anderen Redner, stempelte sie verächtlich als »Reformphilister« ab, um ihnen gegenüber die Eigenständigkeit und Selbsterziehung der Jugend in ihrer Kultur herauszuheben. Im Übrigen blieb der Tag ohne Ergebnisse. Kurz vor Mitternacht begann der Abstieg in die Schlafquartiere der Dörfer am Fuß des Meißner. Zwei Stunden dauerte etwa der Fußmarsch durch den Regen, der nicht nachgelassen hatte. Erschöpft, völlig durchnässt und reichlich frustriert legten sich die Avantgardisten der Jugendbewegung in der Nacht vom 9. auf den 10. Oktober ins Heu.

Der frühe Morgen des nächsten Tages verhieß ebenfalls keine Besserung. Der Regen hielt an, der Tag begann trüb, über Tal und Berg hing dichter Nebel. Die jungen Leute froren, als sie den Aufstieg zum Meißner zu bewältigen hatten. Aber dann brach kurz vor Mittag die Sonne durch. Es wurde schlagartig freundlicher und auch milder. Etliche Zeitzeugenberichte dokumentieren es: Die Laune hob sich unmittelbar. Man wird die Bedeutung des Wetters für die Konstruktion von Erinnerungsorten und mythenbildenden Zusammenkünften sozialer Bewegungen nicht unterschätzen dürfen. Jedenfalls: Die Übellaunigkeit des Vortages schwand. Auch fanden an diesem Samstagnachmittag keine Reden der Reformautoritäten fortgeschrittenen Alters statt. Körper und Bewegung ersetzten in diesen Stunden Kopf und Diskurs. An der einen Stelle der Festwiese tanzten junge Leute, an der anderen musizierten und sangen sie. Andernorts hatte man sich zu sportlichen Wettkämpfen eingefunden, lief um die Wette, maß sich im Speerwurf. Die nächsten führten Possenspiele auf.[18]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2013 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2013