Der folgende Essay präsentiert und bedenkt einige Beobachtungen zum gegenwärtigen Umgang der beiden großen christlichen Kirchen miteinander – zentriert auf Deutschland, da sie hier seit dem 16. Jahrhundert wie nirgends sonst auf der Welt in annähernd gleicher Stärke gegen-, neben- und miteinander bestehen. In den hierbei vor Augen tretenden Schwierigkeiten und Möglichkeiten liegt vielleicht auch Erschließungspotenzial für andere Konstellationen religiös-weltanschaulicher Diversität. Das kann sich allerdings nur erweisen, wenn man zumindest in Andeutungen die historischen Tiefenschichtdimensionen in Betracht zieht.

I.

Die beiden großen Volkskirchen in Deutschland befinden sich seit mindestens 200 Jahren in einem Erosionsprozess. Es ist nicht verwunderlich, dass sie, wo irgend möglich, den Schulterschluss suchen. Gemeinsam vertreten sie Interessen und präsentieren sie sich bei Gelegenheiten wie der Flüchtlings- und Migrationskrise als unentbehrliche moralische Leitinstanzen. Angeblich können sie nur dann, wenn sie zusammen agieren, den Prozess ihrer Marginalisierung verlangsamen und Geltung behaupten. Besonders die protestantische Intonation dieses immer wieder rezitierten, aber kaum je kritisch durchdachten Credos klingt oftmals müde und bezeugt einen kaum verhohlenen Überdruss an der eigenen geschichtlichen Besonderheit, der man allenfalls noch im umgreifenden ökumenischen Verbund Lebens- und Gestaltungskraft zutraut.

Erinnerungen an das, was einst zur Trennung geführt hat, wirken dabei irritierend. Wenn sie sich dennoch nicht verdrängen lassen, dann müssen sie so interpretiert und inszeniert werden, dass sie das gegenwärtig vorherrschende Bestreben nach dem großen, die Konfessionen übergreifenden Konsens nicht stören, sondern womöglich eher noch fördern. […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H.&1nbsp;-2017 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2017