In Wittenberg findet gegenwärtig das imposante 360°-Panorama »Luther 1517« von Yadegar Asisi, das an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren erinnert, viel Zuspruch. Eine der Szenen zeigt den Ausritt des Kurfürsten Friedrich des Weisen mit seinem Gefolge aus dem Schloss. Als Thomas Müntzer vor ihn treten will, wirft Martin Luther sich ihm mit den Worten entgegen: »Müntzer, geh weg!«. Selbstverständlich ist diese Szene erfunden, aber sie signalisiert, dass der Reformator Gefahren witterte. Gab es dafür einen Anlass? Diese Frage zu beantworten, setzt voraus, sowohl die Persönlichkeit Müntzers im Besonderen als auch den reformatorischen Prozess im Allgemeinen in den Blick zu nehmen.[1]

Eine Alternative zum Reformationsverständnis der Wittenberger

Es ist umstritten, ob der Beginn der Reformation mit der Veröffentlichung von Luthers 95 Thesen gegen den päpstlichen Ablass vom 31. Oktober 1517 datiert werden kann. Auf der Hand liegt hingegen, dass der reformatorische Prozess in der frühen Phase vielgestaltig war und nicht allein mit dem Auftreten Luthers erklärt werden kann. Heute wird von Historikern und Theologen mehrheitlich akzeptiert, dass es die Reformation nicht gegeben hat, sondern dass unterschiedliche Ansätze, Aufbrüche und Konzepte konkurrierten. Dabei handelt es sich nicht – wie es Arthur G. Dickens vor Jahren einprägsam formuliert hat – um »a one-mancircus, a whole revolution created by the heroic spirit and energy of Martin Luther«[2]. Denn die Situation war zunächst noch offen, und die Akteure vertraten unterschiedliche Auffassungen über das Wesen der als notwendig erkannten Reformation. […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H.&1nbsp;-2017 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2017