Die Stellung der Kirchen in Deutschland nach 1945 – die fortbestehende Einheit von Thron und Altar – hängt eng mit der Geschichte der Bundesrepublik zusammen. Sicherten sich die Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg die in der Revolution 1918/19 erreichte Freiheit vom Staat, weiteten sie ihre Rechte im Kalten Krieg aus und zogen aus der gleichzeitigen Garantie von Leistungen durch den Staat noch zusätzliche Vorteile. Dabei passten sie sich nicht nur neuen Lagen immer wieder geschickt an; mit ihren moralischen »Sinngebungen«, ihrem staatlich besoldeten Religionsunterricht und ihrer Dominanz in der Ritualkultur machten sie sich überdies bis in die 1970er Jahre sogar unentbehrlich.

Auch heute noch, so der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf, seien die religiösen Strukturen in Deutschland »erstaunlich stabil«[1]. So sehe Graf, wie es in einem Bericht über ein Streitgespräch zwischen ihm und dem Publizisten Henryk M. Broder am 3. November 2010 im Dresdener Hygienemuseum heißt, »heute niemanden, der die christlichen Feiertage abschaffen wolle. Beide Volkskirchen seien nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sehr privilegiert worden und heute sehr reiche und einflussreiche Akteure. Sie hätten in der Gesellschaft immer mehr Funktionen übernommen und sich ›Sozialstaatspfründe‹ gesichert. Heute beschäftigten Caritas und Diakonie mehr als 900.000 Mitarbeiter und hätten damit mehr als die gesamte deutsche Autoindustrie.«[2] Diese engen Staat-Kirche-Bindungen hätten jedoch, so Broder während derselben Debatte, ein säkularisiertes, »weichgespültes« Christentum befördert. Wobei ihm, wie er hinzufügte, eine »korrupte, schwächliche, ausgewaschene christlich-jüdische Kultur des Abendlandes« immer noch lieber sei als der Islam, den er als eine militante Religion bezeichnete.[3] Diese Aussage, wenige Jahre vor »PEGIDA«, verweist auf die Diskussionslage. […]

Anmerkungen:

[1] O.V., Broder: Der Glaube von Christen und Juden ist weichgespült, in: idea Spektrum, H. 46/2010, S. 19.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H.&1nbsp;-2017 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2017