Nach islamischer Zeitrechnung begann 1979 ein neues Jahrhundert. Es war das Jahr 1400 nach der Hidschra, der Auswanderung des Propheten von Mekka nach Medina. Gleichzeitig fanden 1979 zwei Ereignisse statt, deren Folgen bis in die Gegenwart wirken und das heutige Bild des Islam entscheidend prägen: die Islamische Revolution im Iran und die Geiselnahme in der Großen Moschee von Mekka. Mit diesen Ereignissen betrat der Islamismus die Weltbühne und zeigte seine Fähigkeit, gleichermaßen Massen zu begeistern wie Schrecken zu verbreiten. Das Auftreten von Religion als politischem Faktor kam dabei unerwartet, herrschte bis dahin doch weithin Konsens, dass »Modernisierung« – und mit ihr »Säkularisierung« – ein unaufhaltsamer globaler Prozess sei.[1]

Den Moderne-Erzählungen westlicher Gesellschaften konnten die Ereignisse von 1979 dennoch wenig anhaben. Religion und Moderne erscheinen darin immer noch wie Feuer und Wasser. Die Folgen lassen sich heute regelmäßig in den Kommentarspalten nachlesen, wenn gegen sämtliche vermeintlichen Entgleisungen des Islam die Wunderwaffe der Modernisierungin Stellung gebracht wird. Nicht selten geht hiermit die Vorstellung einher, dass der Islamismus in die DNA des Islam eingeschrieben sei – gewissermaßen als mögliche (und bei manchen Interpreten auch als zwangsläufige) Mutation. Geblendet von der Selbsterzählung einer säkularen Moderne, wird dabei jedoch häufig übersehen, dass der Islamismus vor allem das Ergebnis eines Modernisierungsprozesses innerhalb des Islam ist. […]

Anmerkungen:

[1] Vgl. Frank Bösch, Umbrüche in die Gegenwart. Globale Ereignisse und Krisenreaktionen um 1979, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Jg. 9 (2012), H. 1, S. 8–32, hier S. 24.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 1-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016