Im Grunde hätten die Deutschen ein Faible für Heinrich Brüning, den Reichskanzler vom 30. März 1930 bis 30. Mai 1932, hegen müssen. Denn war er nicht exakt so, wie sie sich schon damals ihr Ideal vom guten Politiker entworfen hätten, wie sie es auch heute noch tun würden? Brüning heischte nicht nach gefälligem, schnellen Applaus. Er drosch keine pathetischen oder populistischen Phrasen. Er war durch und durch unkorrupt. Auch entschiedene Gegner sprachen ihm die Integrität nicht ab, da er doch denkbar bescheiden lebte, kein Gesellschaftslöwe war, weder auf opulenten Gelagen noch auf exzessiven Tanzvergnügungen erschien, von denen es in Berlin jener Jahre überreichlich gab. Brüning hielt nichts von Ideologien und Theoretikern. Er suchte Rat bei Fachmännern, bei Experten aus der Wissenschaft und der Verwaltung. Brüning war, wie er gerne und oft herausstellte, der Sache ergeben, nicht der Parteiräson, nicht Gruppeninteressen. Und er besaß ein präzises politisches Projekt, das er zielstrebig verfolgte, unbeirrt von den Stimmungen des Tages, den Launen der Medien, dem Propagandagetöse des politischen Gegners. Brüning also war kein Funktionär seiner Partei, kein windelweicher Opportunist, kein auf Boni oder extraordinäre Honorare erpichter Karrierist. Arbeit und harte Disziplin bestimmten seinen Tagesablauf, das alles für die Nation, für das Wohl der Deutschen, wie der Reichskanzler fest überzeugt war.[1] Die Deutschen hätten entzückt sein müssen über diese Lichtgestalt eines der gewöhnlichen politischen Egozentrik entrückten Staatsmannes […]

Anmerkungen:

[1] Zur Persönlichkeit und Biografie Brünings konstitutiv für den gesamten Beitrag vgl. Herbert Hömig, Brüning. Kanzler in der Krise der Republik, Paderborn 2000; Rudolf Morsey, Heinrich Brüning (1885–1970), in: Westfälische Lebensbilder, Bd. 11, Münster 1975, S. 27–48.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 1-2013 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2013