Wer alle guten Vorsätze fahren lässt und gelegentlich die Filiale einer Buchhandelskette betritt, der macht eine interessante Entdeckung: Die Regale für akademische Studien werden immer schmaler, während die Bestände populärwissenschaftlicher Bücher wachsen und wachsen. Großer Beliebtheit
erfreuen sich Abhandlungen über das Gute und das Böse, gern genommen  werden auch Einführungen in die »Lebenswissenschaften«, vor allem Aufklärungsfi beln über die spektakulären Erfolge der Hirnforschung (»Wer ist der Käpt’n im Kopf?«). Doch an der Spitze der Bewegung steht uneinholbar die Phalanx populärphilosophischer Bestseller. Während Habermas’ »Diskurs der Moderne« oder Luhmanns »Die Gesellschaft der Gesellschaft« wie verblichene Reliquien im akademischen Sakralbezirk versteckt werden, stapeln sich Bücher wie »Wer bin ich – und wenn ja viele?« in dorischen Säulen triumphierend bis unter die Decke.

Gewiss, das ist bloße Alltagsempirie, aber sie sagt viel über den Einfluss  einer neuen geistigen Klasse – der Klasse des popularisierenden Intellektuellen. […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 0-2011 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2011