Die Welt der Pannen Scheitern in Dürrenmatts Welttheater

Von Max Roehl

Wie kaum ein anderer Schriftsteller hat Friedrich Dürrenmatt (1921–1990) das menschliche Streben nach Kontrolle und Planbarkeit des Lebens einer gründlichen Kritik unterzogen und mit beißendem Spott bedacht. In seinen satirischen Komödien, Romanen und Erzählungen führt er Figuren vor, die glauben, das Heft des Handelns in der Hand zu haben und ihre Umgebung nach eigenen Vorstellungen gestalten zu können. Stattdessen jedoch sind sie dem (meist tödlichen) Spiel des Zufalls unterworfen. In seinen 21 Punkten zu den Physikern formuliert Dürrenmatt dies als paradoxen Effekt menschlichen Handelns: „Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.“[1]

 

„Heillos verpfuscht“ – Unordnung als Normalität

Zufall, Unfall und Panne heißen die Modelle, die Dürrenmatt für den Einbruch des Ungeplanten in eine durchrationalisierte Welt einsetzt. Angesichts ihres Wirkens wird die Welt für den Menschen zu einem Labyrinth, von dem er selbst nicht weiß, dass er sich in ihm befindet. Die Theaterstücke und Erzähltexte des Schweizer Schriftstellers zeichnen eine undurchsichtige, chaotische Welt, in der sich der Einzelne nicht zu orientieren in der Lage ist. Das Scheitern von Strategien und Vorhaben gerät daher zum Normalfall.

Doch ist der Mensch in Dürrenmatts Welten nicht nur dem Wirken des Zufalls ausgesetzt, sondern auch der unpersönlichen Maschinerie der Bürokratie und der Massengesellschaft. Dürrenmatts politische Diagnose lautet, dass der moderne Staat zu einem System geworden sei, in dem es „keine Schuldigen und auch keine Verantwortlichkeiten mehr gibt“.[2] Was sich in dem Essay Theaterprobleme (1955) wesentlich aus seinem Blick auf Hitlerdeutschland speist, gilt auch für seine Auffassung von anderen Staaten im 20. Jahrhundert. Ob in Moskau, Washington oder Bern: Der Staat sei „unüberschaubar, anonym, bürokratisch geworden“.[3] Dürrenmatt geht es um die Frage, wie im Zeitalter des Kollektiven und der Masse Verantwortung eigentlich noch individuell zurechenbar sein soll. So scheint der Mensch selbst zu verschwinden – zwischen den Automatismen der Bürokratie und den Einschlägen des Zufalls.

Die Welt erscheint „heillos verpfuscht“.[4] Eine verbindliche und transzendent abgesicherte Werteordnung existiert für den sich selbst als Atheisten bezeichnenden Pfarrerssohn Dürrenmatt ebenso wenig wie eine souveräne Ordnungsinstanz, die Recht und Gesetz garantieren könnte. Die Unordnung ist gesellschaftliche Normalität, der Ausnahmezustand auf Dauer gestellt. Durchgespielt wird dies etwa in der Erzählung Die Panne (1956) innerhalb der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft, die als Kampf eines jeden gegen jeden gezeichnet wird, in Der Besuch der alten Dame (1956) am Agieren der amoralischen Stadtgemeinschaft, in Das Versprechen (1958) und Die Physiker (1962) am Scheitern der Ordnungshüter oder noch in seinem letzten Roman mit dem sprechenden Titel Durcheinandertal (1989).

Dürrenmatt stellt eine Diagnose, die umso erstaunlicher ist, wenn man bedenkt, dass sein literarisches Schaffen in die Ära des Kalten Krieges fällt und somit in eine Zeit, die sich durch eine vermeintlich klare Weltordnung mit zwei sich gegenüberstehenden politischen Blöcken auszeichnete. Sein Befund scheint viel eher unserer eigenen Gegenwart zu entsprechen, wenn man an die zunehmend multipolare Weltordnung denkt oder an Herausforderungen wie die COVID-19-Pandemie, die – einbrechend in unsere durchrationalisierte Welt – auch die Probleme und Abläufe unserer Gesellschaften offenbart hat.

 

Der Einfall als Antwort auf den Zufall

Zur künstlerischen Bewältigung dieses modernen Weltzustands greift Dürrenmatt auf das Konzept des Einfalls zurück. Als poetologisches Pendant zum in der Welt waltenden Zufall meint der Einfall zum einen die poetische Idee und zum anderen ein Störmoment, das in die fiktionale Welt einbricht und die vermeintliche Ordnung ins Wanken bringt. Indem Dürrenmatt das Unwahrscheinliche eintreten lässt, werden die wahrscheinlichen Reaktionsmuster der Menschen, ihre lächerlichen Versuche, die Wirklichkeit beherrschbar zu machen, beobachtbar. Dass er dem Geschehen dabei stets die „schlimmstmögliche Wendung“[5] zu geben versucht und also nicht nur den Zufall, sondern den „tödlichen Unfall“ beschreibt, soll seiner Fiktion „eine ‚existentielle‘ Berechtigung“ verleihen,[6] weist aber auch auf eine gewisse Freude am Grotesken hin. Mit seinen (Tragi-)Komödien und Erzählungen entwirft Dürrenmatt literarische Versuchsanordnungen, in denen die Wirklichkeit verschoben oder auf den Kopf gestellt, ihr Wesen jedoch besonders sichtbar wird.

Dürrenmatts Werk erzählt vor diesem Hintergrund vor allem von scheiternden Helden, die durch ihr Handeln das Gegenteil dessen erreichen, was sie beabsichtigen. Dabei handelt es sich zumeist um Herrscherfiguren wie Kaiser, Parteichefs und Ministerpräsidenten, intellektuelle Kapazitäten wie den Physiker Möbius oder Ordnungshüter wie Kommissar Matthäi und Inspektor Voß. Die Frauenfiguren nehmen hingegen oft die Position des Einfalls selbst ein, der die Welt durcheinanderwirbelt. Insofern sind es durchaus starke Figuren – wie Claire Zachanassian oder Mathilde von Zahnd –, sie stellen aber eher ein Prinzip als personal konzipierte Figuren dar; so wie Dürrenmatts Texte ohnehin stark auf Thesen hin ausgerichtet sind und sich weniger in ausufernden literarischen Beschreibungen oder in realistischer Figurenzeichnung ergehen. Es scheitern bei Dürrenmatt also vor allem männliche Figuren, die mit einer gewissen Macht ausgestattet sind. Ihr Scheitern resultiert allerdings, wie sich bereits andeutete, nicht allein aus einem persönlichen Unvermögen und kann den Figuren nur eingeschränkt individuell in Rechnung gestellt werden. An der Struktur und Ursache ihres Scheiterns lassen sich vielmehr Einsichten in die Spielregeln der modernen gesellschaftlichen Wirklichkeit gewinnen. Dürrenmatt greift dafür auch auf mythologische und historische Stoffe zurück, die er satirisch überspitzt oder verkehrt.

 

Romulus der Große

Ein Beispiel für eine solche historische Parodie ist das Nachkriegsstück Romulus der Große, das in zwei Fassungen (1949/1957) vorliegt und mit der Kritik am ‚Vaterland‘, dem im Notfall auch das eigene Leben zu opfern ist, eine Antwort auf den totalen und verbrecherischen NS-Staat darstellt. Dürrenmatts Einfall besteht darin, dass der letzte weströmische Kaiser Romulus Augustus den Fall seines Reichs durch Untätigkeit absichtlich herbeiführt. Von den Germanen angegriffen, verweigert sich Romulus der Landesverteidigung und zielt darauf ab, durch Nichthandeln „die Rettung des Imperiums bewußt“ zu sabotieren.[7] Er beabsichtigt, mit der blutigen Politik des Reiches und dem Patriotismus Schluss zu machen und dem germanischen Anführer Odoaker kampflos das Reich zu übergeben. Das Scheitern Roms ist hier also Programm.

Allerdings zeitigt das Vorgehen des Kaisers paradoxe Effekte. Wollte er eigentlich das Sterben beenden, so führt das kaiserliche Nichthandeln dazu, dass seine Familie während der Flucht vor den Germanen auf der Überfahrt nach Sizilien ertrinkt. Das ist die eine Seite seines Scheiterns: Die Untätigkeit sollte Romulus davor bewahren, an seiner Bevölkerung schuldig zu werden, doch lädt ihm auch und gerade sein Nichthandeln Schuld auf.[8] Die andere Seite des Scheiterns betrifft den Ausgang des Geschehens. In der ersten Fassung des Stücks scheint Romulus zunächst Erfolg (mit seinem beabsichtigten Misserfolg) zu haben, wenn er den Germanen das Reich überlässt und sich selbst als Kaiser zurückzieht. Doch ist diese Lösung hier zum einen erkennbar als unernste politische Utopie entworfen,[9] zum anderen scheint im apostrophierten Germanenreich (in einem ‚Zusammenfall‘ der Zeitalter) das Dritte Reich auf, das die blutige Herrschaft Roms, die Romulus beenden wollte, indem er die Weltgeschichte für die Germanen räumt, nicht nur fortführen, sondern in der Grausamkeit und Totalität des Staates noch bei Weitem übertreffen wird: „Die Römer treten ab, die Bühne wird frei, die Germanen sind an der Reihe.“[10] Die zweite Fassung radikalisiert diese Pointe, indem sie einen Odoaker zeigt, der seinerseits seine Macht abgeben und sich mit seinem „ganzen Volk“[11] unterwerfen will. In den Krieg gezogen war er nur wegen der öffentlichen Meinung sowie seiner ehrgeizigen Soldaten. In den Blick rückt dabei sein Neffe Theoderich, ein heroischer Germane, der „von der Weltherrschaft“[12] träumt und dessen Machtübernahme Odoaker verhindern wollte. Beide Herrscher beabsichtigen so, ihre Länder vor den Heroen und Patrioten zu bewahren. Ihre Pläne scheitern jedoch; sie waren vom Machtwillen des jeweils anderen ausgegangen und haben sich damit verrechnet. Als Konsequenz einigen sie sich darauf, dass Romulus in Pension geht und Odoaker König von Italien wird, um den „Frieden“ zwischen Germanen und Römern zu sichern und „die Welt treu zu verwalten“.[13] Beiden ist im Bewusstsein dieser „traurigen Pflicht“[14] klar, dass es nur eine Übergangslösung sein kann, denn mit dem fanatischen Theoderich steht der nächste Usurpator am Ende einer Zwischenkriegszeit bereit. So zeigt Dürrenmatt mit Romulus der Große, dass selbst das Scheitern scheitert, sofern die Menschen es bewusst verfolgen. Die Weltgeschichte vollzieht sich unabhängig vom menschlichen Wollen und Planen, selbst wenn es darum geht – abwegig genug –, freiwillig auf die eigene Macht zu verzichten.

 

Herkules und der Stall des Augias

Eine Mythenparodie, in der Scheitern und Misserfolg zentral sind, ist Dürrenmatts aus einem Hörspiel (1954) hervorgegangene Komödie Herkules und der Stall des Augias (1962). Anders als im Mythos ist hier das gesamte Reich Elis vom Mist überwuchert und der Stall, den der mythologische Herkules zu reinigen hat, ist der Ort, an dem die ‚Parlamentarier‘ überhaupt noch beraten können, wenn auch im Mist steckend „nur bis zum Unterleib sichtbar“.[15] Als „Oberausmister“ wird Herkules mit der Reinigung des Landes beauftragt.[16] Ist das Ausmisten des Augiasstalls im Mythos eine der zwölf Aufgaben, die ihm von Eurystheus gestellt werden, und erreicht er es durch die Umleitung von Flusswasser (weshalb die Aufgabe als unerledigt angesehen wird),  so wird Herkules bei Dürrenmatt für ein „anständiges Honorar“ samt „Spesen“  angestellt, das der klamme Heros dann auch annimmt. Allerdings kann er nicht einfach wie sein mythologischer Vorläufer die Flüsse umleiten. Herkules scheitert an der Aufgabe, zum einen aufgrund der überbordenden Bürokratie, braucht es doch Genehmigungen nicht nur vom Wasseramt, sondern auch vom Fremden-, Arbeits-, Tiefbau-, Finanz- und Mistamt. Der antike Held wird hier also mit dem modernen Verwaltungsstaat konfrontiert. Zum anderen liegt sein Scheitern auch im fehlenden Änderungswillen der Parlamentarier begründet, die – stellvertretend für die gesamte Bevölkerung – das Problem herunterreden oder Gründe finden, das Ausmisten zu vertagen. Versuchen sie zunächst, dem Befund der Vermistung positive Nachrichten aus dem eigenen Land entgegenzusetzen – man sei „gesund“, das „freiste Volk der Welt“, „die älteste Demokratie Griechenlands“, „die Urgriechen“[17] –, so zeigt sich, dass sie die Entmistung auch fürchten, weil dabei Kunstschätze, die unter dem Mist verborgen seien, „fortgeschwemmt“[18] werden oder sich gar als nicht existent erweisen könnten. Auch wird der Mist selbst als „ein nationaler Triumph“ verstanden, „auf den wir stolz sein dürfen“.[19] Und schließlich die simple Befindlichkeit: „Ausmisten ist ungemütlich!“[20] Es sind dies übliche Abwehrmechanismen, die verhindern, dass ein Problem, das hier gesellschaftsgefährdende Ausmaße annimmt, angegangen wird. Statt die Gefahren der Vermistung ernst zu nehmen, werden die Folgen der Mistbeseitigung gefürchtet. In einer solchen Umgebung, so der ironische Fingerzeig, kann selbst der größte Held Griechenlands nichts bewirken.

Eine Lösung scheint auf im Garten des Augias, in dem es dem Präsidenten von Elis gelingt, den Mist in Humus zu verwandeln. Die eigentliche „Herkulesarbeit“ bestehe darin, statt heroisch durchzugreifen „als ein Unzufriedener“ zu leben, „der seine Unzufriedenheit weitergibt und so mit der Zeit die Dinge ändert“.[21] Das mythische Modell des Heros wird offenbar vom bürgerlichen Modell der Reformpolitik abgelöst. Allerdings betreibt Augias die Ausmistung nicht als Staats-, sondern als Privatmann. Sein Garten und sein Plädoyer für die Verbesserung in kleinen Schritten bedeuten einen Rückzug ins Private – so ist auch kein Staat zu machen. Dass sich an seine doch eigentlich geglückte Mistverwandlung noch ein pessimistischer Schluss-Chor anschließt, der mit einer apokalyptischen Vision endet („Und tut, was ihr tun müßt, noch bald / Sonst wird der Tag euch entgleiten / Die Nacht ist dunkel und kalt“[22]), scheint darauf hinzuweisen, dass auch dieses Modell der Herausforderung nicht gewachsen ist. So wird nicht nur das Heldentum einer zeitgeschichtlich relevanten Kritik unterzogen – bei Dürrenmatt ist Herkules eine lächerliche Figur, die sich zwischenzeitlich aus Geldnot im Zirkus verdingt. Auch kann die Lösung politischer Probleme nicht ausschließlich im Privaten gesucht werden. In Herkules und der Stall des Augias spielt Dürrenmatt so am Scheitern der Figuren satirisch das Handlungs- und Entscheidungsproblem in postheroischen,[23] demokratisch-bürokratischen Gesellschaften durch.

 

Die Physiker

Dürrenmatts Erfolgsstück Die Physiker schließlich thematisiert ein besonders folgenschweres Scheitern, setzt es sich doch damit auseinander, dass im technischen Zeitalter Erfolg und Scheitern keine Gegenbegriffe sind, sondern dass Erfolg (zum Beispiel eine wissenschaftliche Entdeckung) zum größten (moralischen) Scheitern führen kann. Die Naturwissenschaften sind in der Lage, die Naturgesetze so weit zu durchschauen, dass die Vernichtung der gesamten Menschheit möglich geworden ist – ein Rekurs auf die Geschichte der Entwicklung der Atombombe, mit der sich Dürrenmatt auch in seiner in der Weltwoche publizierten Rezension von Robert Jungks Buch Heller als tausend Sonnen (1956) auseinandergesetzt hat. In den Physikern flieht die Figur Möbius in eine psychiatrische Anstalt, um seine physikalischen Entdeckungen geheim zu halten. Zusammen mit zwei weiteren Physikern, die eigentlich im Auftrag konkurrierender Geheimdienste auf sein Wissen angesetzt waren, entschließt er sich, den Rest seines Lebens im Sanatorium zu verbringen. Allerdings wird der Plan von der Anstaltsleiterin Mathilde von Zahnd durchkreuzt, die das Spiel der Physiker durchschaut und Möbius’ vermeintlich vernichtete Manuskripte mit den bahnbrechenden Erkenntnissen kopieren ließ, um sie für ihre Zwecke zu gebrauchen.

Auch hier hat das geplante Handeln, das tragische Selbstopfer einen paradoxen Effekt: Der Versuch, die eigenen Erkenntnisse vor dem Zugriff der politischen Macht zu schützen, hat sie in die Hände einer anderen (privaten) Macht gespielt. Möbius wollte die Wissenschaft bewahren und weiterbetreiben in einem vermeintlich unpolitischen Asyl. Dürrenmatt arbeitet heraus, dass dies unmöglich ist. Eine Alternative hätte darin bestanden, die gewonnenen Erkenntnisse allen zugänglich zu machen, um so zu verhindern, dass sie von einer Seite instrumentalisiert werden können.[24] Auch hätte sich Möbius dazu entschließen können, die wissenschaftliche Arbeit gänzlich aufzugeben. Man mag hier an die ungeheuerlichen Worte Albert Einsteins denken, von denen Josef Spier in Jungks Heller als tausend Sonnen berichtet: „Weißt du, mein Sohn, ich habe noch etwas erfunden, auf dem Grenzgebiet der Mathematik und der Astronomie. Das habe ich jüngstens kaputtgemacht. Einmal ein Mitmörder an der Menschheit zu sein, genügt mir.“[25] Möbius hingegen wollte die naturwissenschaftliche Forschung von der technischen Umsetzung ihrer Ergebnisse entkoppeln. Dieser Versuch, so zeigt Dürrenmatt, ist jedoch aussichtslos: In unserer Welt wird alle Theorie zur Praxis, alle Erkenntnis in Technik umgesetzt. Und wenn nicht durch die staatlichen Akteure, dann durch eine tatsächlich verrückte ‚Unternehmerin‘.

Der Ausgang des Geschehens ist natürlich grotesk übersteigert (wobei Dürrenmatt wohl meinen würde, die groteske Wirklichkeit kenne keine Steigerung), doch wird in ihm ein bestimmter Mechanismus sichtbar, der das Scheitern von Möbius’ Plänen ebenso wie anderer Versuche, Wissen geheim zu halten, zwangsläufig erscheinen lässt. Dürrenmatt bietet keine Lösung des Problems an; er stellt vielmehr eine Dynamik dar, die sich als unhintergehbar erweist: Es gibt keine unschuldige Forschung, die sich von politischer Indienstnahme und technischer Nutzung freimachen könnte. Sobald Wissen in die Welt getreten ist, kann es nicht von der Macht ferngehalten werden: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“[26] So wird auch hier über den Umweg eines (ver-rückten) Einzelfalls des Scheiterns ein grundsätzliches Problem durchgespielt.

 

Scheitern an der Macht

Die drei Beispiele zeigen: Dürrenmatt ist mit seinen Figuren und Szenarien des Scheiterns besonders mit dem Phänomen der Macht befasst. Diejenigen, die sie anstreben, verlieren sie; doch auch diejenigen, die auf sie verzichten wollen, scheitern, so wie Romulus oder auch Goldbaum in Die Frist, der als Oppositioneller die Macht nie besitzen wollte („Aber die Macht wird Sie finden, Goldbaum“[27]). In Dürrenmatts ‚schlimmstmöglichen Wendungen‘ steht dabei auch das Scheitern der gesamten Menschheit im Raum. Mit seinen apokalyptischen Schlussbildern, nicht nur im Herkules, sondern auch in Die Physiker und Die Frist und nicht zuletzt im postapokalyptischen Winterkrieg in Tibet rechnet Dürrenmatt mit der machtversessenen Menschheit ab, lässt die Instabilität moderner Gesellschaften in die Katastrophe münden.

Eine apokalyptische Vision entfaltet schließlich auch das aberwitzige Stück Der Mitmacher (1973), dessen Uraufführung ein großer Misserfolg war und neben anderen Erfahrungen Dürrenmatts „Abschied vom Theater“ einläutete. Es handelt von ‚Doc‘, einem entlassenen Biochemiker, der sich in den Dienst von ‚Boss‘ stellt und in dessen Mordgeschäft für die spurlose Leichenbeseitigung (‚Nekrodialyse‘) sorgt. Wie die Figurenbezeichnungen vermuten lassen, sind hier nur noch Typenfiguren auf der Bühne; die absurde Handlung und beständige Illusionsbrüche wirken einer ‚realistischen‘ Darstellung entgegen, sollen dadurch jedoch – für Dürrenmatt typisch – gerade eine Durchsicht auf die in der Wirklichkeit herrschenden Kräfte ermöglichen. An dem kriminellen Unternehmen beteiligt sich im Prinzip jeder, neben dem Anarchisten Bill, der die Ermordung des Staatspräsidenten (und im ‚Dauerauftrag‘ aller folgenden Präsidenten in den kommenden zehn Jahren) in Auftrag gibt, auch der Polizeichef ‚Cop‘. Angesichts der allgemeinen Korruption, die sich vom Staatsanwalt bis zum Obersten Richter erstreckt, gibt es ‚Cop‘ auf, von außen gegen das Verbrechen vorzugehen. Stattdessen versucht er, für Gerechtigkeit zu sorgen, indem er selbst mitmacht und u.a. ‚Boss‘ in die ‚Nekrodialyse‘ schickt. Dabei bildet er sich nicht ein, „das Unternehmen erledigt“ oder das Verbrechen beseitigt zu haben: „Doch eine kurze Weltsekunde lang bot ich dem fatalen Abschnurren der Geschäfte Einhalt.“[28] Die überaus schwarze Komödie endet mit dem bedrückenden Fazit, dass die Kriminalität „längst die Form unserer Zivilisation“[29] geworden und das Mitmachen – so der Rückbezug bis auf die frühen Theaterprobleme – unumgänglich sei: Nur „[w]er stirbt, macht nicht mehr mit.“[30] Auch Bill und ‚Cop‘ fallen schließlich der chemischen Auflösungsmaschine zum Opfer.

Nun könnte man meinen – und es gibt einige Hinweise darauf –, Dürrenmatt halte es angesichts des Weltzustands für das Klügste, gar nicht zu handeln. Entsprechende Sentenzen legt er seinen Figuren mehrfach in den Mund. Indes, liest man seine Texte aufmerksam, so zeigt sich, dass Dürrenmatt weder den Rückzug ins Private noch das Nichthandeln empfiehlt. Das Problem des unpolitischen Rückzugs besteht darin, dass die Welt dadurch keineswegs ein machtfreier Ort wird. Verzichtet man auf die Ausübung von Macht, so geht sie auf jemand anderen über. Doch sollte man auch nicht der Illusion anhängen, die Macht beherrschen zu können.

Dürrenmatt, dem auch eigener Misserfolg am Literatur- und Theatermarkt alles andere als fremd war und dessen Werk zwischen Anerkennung und Ablehnung hin- und herpendelte,[31] entwirft (Anti-)Helden, die auch mit Blick auf die heutige ‚Leistungsgesellschaft‘ und ihre Erzählung, dass der Einzelne sämtliche Faktoren seines Lebens selbst bestimmen könne, als eine Lektion in Zurückhaltung und Demut zu verstehen sind. Wenn der Zufall die entscheidende Kraft in dieser Welt ist, so kann man sich weder den Misserfolg noch den Erfolg selbst in Rechnung stellen. An der Frage von Erfolg und Misserfolg werden hingegen die Bedingungen des Handelns und die gesellschaftlich wirksamen Kräfte sichtbar.

 

[1] Friedrich Dürrenmatt, Die Physiker. Eine Komödie in zwei Akten (Bd. 7 der Werkausgabe), Zürich 1980, S. 91.

[2] Friedrich Dürrenmatt, Theaterprobleme, in: ders.: Theater. Essays, Gedichte und Reden (Bd. 24 der Werkausgabe), Zürich 1980, S. 31–77, hier S. 62.

[3] Ebd., S. 59 f.

[4] Friedrich Dürrenmatt, Zusammenhänge. Essay über Israel. Eine Konzeption, in: ders.: Zusammenhänge, Nachgedanken (Bd. 29 der Werkausgabe), Zürich 1980, S. 9–162, hier S. 20.

[5] Dürrenmatt, Die Physiker, S. 91.

[6] Friedrich Dürrenmatt, Sätze über das Theater, in: ders.: Theater, S. 176–211, hier S. 209.

[7] Friedrich Dürrenmatt, Romulus der Große. Eine ungeschichtliche historische Komödie in vier Akten (Bd. 2 der Werkausgabe), Zürich 1980, S. 77.

[8] Zur Deutung von Dürrenmatts Romulus als ‚Gesinnungsethiker‘ s. Max Roehl, Der abwesende Souverän. Zum Politischen im Werk Friedrich Dürrenmatts, Bielefeld 2021, S. 191–194.

[9] Vgl. Günter Scholdt, Romulus der Große? Dramaturgische Konsequenzen einer Komödien-Umarbeitung, in: Zeitschrift für deutsche Philologie, H. 2/1978, S. 270–287, hier S. 285.

[10] Dürrenmatt, Romulus der Große, S. 141.

[11] Ebd., S. 106.

[12] Ebd., S. 107.

[13] Ebd., S. 112.

[14] Ebd., S. 113.

[15] Friedrich Dürrenmatt, Herkules und der Stall des Augias. Eine Komödie, in: ders.: Herkules und der Stall des Augias, Der Prozeß und des Esels Schatten. Griechische Stücke (Bd. 8 der Werkausgabe), Zürich 1980, S. 9–117, hier S. 29.

[16] Ebd., S. 33.

[17] Ebd., S. 30.

[18] Ebd., S. 93.

[19] Ebd., S. 96.

[20] Ebd., S. 97.

[21] Ebd., S. 116.

[22] Ebd., S. 117.

[23] Zum Begriff der postheroischen Gesellschaft vgl. Herfried Münkler, Heroische und postheroische Gesellschaften, in: Merkur, H. 700 (2007), S. 742–752.

[24] „Möbius’s only truly responsible course would have been to publish all his results, which would have prevented their being discovered and exploited“, Benjamin Bennett, Theater as Problem. Modern Drama and its Place in Literature, Ithaca & London 1990, S. 229.

[25] Robert Jungk, Heller als tausend Sonnen. Das Schicksal der Atomforscher. Mit einem Vorwort von Matthias Greffrath, München 1990, S. 316.

[26] Dürrenmatt, Die Physiker, S. 85.

[27] Friedrich Dürrenmatt, Die Frist. Eine Komödie (Bd. 15 der Werkausgabe), Zürich 1980, S. 43.

[28] Friedrich Dürrenmatt, Der Mitmacher. Eine Komödie, in: ders.: Der Mitmacher. Ein Komplex (Bd. 14 der Werkausgabe), Zürich 1980, S. 11–93, hier S. 87.

[29] Ebd.

[30] Ebd., S. 90.

[31] Vgl. hierzu Peter Rüedi, Dürrenmatt oder die Ahnung vom Ganzen. Biographie, Zürich 2011, S. 718 ff.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H.  2-2023 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2023