Mitschreiben

Call for Abstracts: Heft 1-2/2026 „USA“

In diesem Jahr feiert die US-amerikanische Unabhängigkeitserklärung ihr 250. Jubiläum. In deren Präambel beschworen die Gründungsväter nicht nur feierlich, dass alle Menschen gleich geschaffen seien und unveräußerliche Rechte wie Leben, Freiheit und Streben nach Glück teilten, sondern verliehen diesen Prinzipien zugleich den Status unhinterfragbarer politischer Grundsätze. Nun ist die zweite Regierung Donald Trumps keineswegs die erste, die diese Übereinkunft auf die Probe stellt – man denke an die zahlreichen Beispiele der gewaltvollen Geschichte der USA, von Sklaverei über Rassentrennung bis hin zur Aussetzung von Grundrechten im Zuge des „Kriegs gegen den Terror“. Doch zeigt die gegenwärtige Situation in den USA eine besondere Qualität: Demokratische Institutionen werden längst nicht mehr bloß punktuell unterlaufen, sondern stehen unter Dauerbeschuss aus dem Weißen Haus.

Die zeitliche Koinzidenz von sich verschärfender demokratischer Regression und Jubiläum der Unabhängigkeitserklärung nimmt INDES zum Anlass, um für das Doppelheft 1–2/2026 den Blick auf die USA zu richten – angesichts der Fülle relevanter Themen entlang von fünf zentralen Dimensionen.

1. Checks and Balances

Unter Trump II ist das Verhältnis zwischen Exekutive und Judikative extrem belastet: Angriffe auf die Unabhängigkeit der Justiz, die Infragestellung von Grundrechten und die Ausweitung exekutiver Befugnisse sind an der Tagesordnung. Auch Senat und Repräsentantenhaus scheinen angesichts der Kompetenzanmaßungen der Regierung und der Trumpisierung der Republikaner ihre Kontrollfunktion kaum noch wahrzunehmen. Überparteilicher Protest gegen Eingriffe in parlamentarische Zuständigkeiten – etwa bei Zöllen und Sanktionen – bleibt weitestgehend aus. Mit Zentralbank, Medien und Universitäten stehen weitere gewaltenteilend wirkende Institutionen unter Druck. Wie steht es also nach fast einem Jahr Trump II um Gewaltenteilung und wechselseitige Kontrolle in den USA – und wie viel Hoffnung bleibt für das Fortbestehen dieses Systems? Welche Institutionen und auch Figuren könnten sich noch als effektive Gegenspieler bzw. Kontrollinstanzen erweisen?

2. Parteiensystem und Polarisierung

Die Polarisierung des US-Parteiensystems hat in den vergangenen Jahren ein historisches Ausmaß erreicht. Republikaner und Demokraten stehen sich ideologisch so unversöhnlich gegenüber, dass Kompromissfähigkeit und parteiübergreifende Zusammenarbeit im gegenwärtigen politischen Klima wie Fremdworte klingen. Zugleich zeigen sich in beiden Lagern deutliche interne Bruchlinien. Wie lassen sich die Parteien und ihre inneren Strömungen ideologisch einordnen? Aufschluss bieten dabei nicht zuletzt die politischen Schlüsselfiguren – weshalb wir in diesem Abschnitt gerne auf unsere Rubrik des Porträts verweisen.

3. Kulturkampf und Ideologien

Der Begriff des Kulturkampfes – geprägt von Debatten über Identitätspolitik und Cancel Culture – ist im US-Diskurs seit Jahren omnipräsent. Schon vor Trumps Rückkehr ins Amt betrieben republikanische Bundesstaaten einen Cultural Backlash, etwa durch vielbeachtete book bans oder transgender bans in Bereichen wie Toiletten, Sport und Gesundheitsversorgung. Mit Trump zog diese Politik ins Weiße Haus ein: Bereits am ersten Amtstag setzte er per Dekret Diversity-Programme außer Kraft und führte die Festlegung des „biologischen Geschlechts“ ein. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welche Rolle der Kulturkampf, das Gegeneinander-in-Stellung-Bringen von Identitätsgruppen und die Mobilisierung einer vermeintlichen Mehrheitsmeinung in der Programmatik von MAGA spielen – und ob dies der Kitt ist, der die Bewegung trotz innerer Widersprüche zusammenhält.

4. Plutokratie und Konzernmacht

Der Einfluss von Megakonzernen und Superreichen auf die US-Politik ist zwar kein neues Phänomen, doch haben wachsende Ungleichverteilung und große Digitalkonzerne hier für neue Dimensionen gesorgt. Spätestens mit den Millionenspenden Elon Musks an Trumps Wahlkampagne wurde die Macht des Geldes überdeutlich. Musk sicherte sich dadurch ein – wenngleich nur kurz währendes – eigenes Berateramt samt unterstellter Abteilung, die staatliche Behörden zurückschnitt und die Antidiversitätsdoktrin durchsetzte. Auch Trumps persönliche Verbindungen und sein ambivalentes Verhältnis zur Kryptoszene regen zur tiefergehenden Analyse der Verzahnung von Politik und Wirtschaft unter Trump II an.

5. Imperiale Gelüste

Mit der Entführung des venezolanischen Diktators Nicolas Maduro ertönte die Abkehr der USA von der Achtung internationaler Regeln und Normen wie ein Paukenschlag, der der Welt verdeutlichte, dass Trump es ernst meint und, wie Pete Hegseth es formulierte, „keine Spiele spielt“. All den Drohungen der letzten Monate – von der Übernahme Grönlands über den Abzug von US-Truppen aus Europa bis hin zum Entzug von Unterstützung für die Ukraine – hat dieser Vorgang eine neue Schärfe verliehen. Wie also gestaltet sich die Außenpolitik dieser zweiten Trump-Administration nach der offensichtlichen Abwendung von Multilateralismus und der Pax Americana? Worin besteht die sogenannte „Donroe“-Doktrin, die der Präsident verkündet hat? Und was bedeuten diese grundlegenden Revisionen der US-Außenpolitik für die internationale Ordnung und die NATO?

 

Natürlich sind dies allesamt lediglich Anregungen – zweifellos gibt es noch zahlreiche weitere Facetten aus den unterschiedlichsten Wissenschaftsdisziplinen zum Thema „USA“. Daher freuen wir uns nicht nur über politologische oder soziologische, sondern auch über historische, (sozial)psychologische, (urban)geografische, philosophische oder ideengeschichtliche etc. Beitragsvorschläge.

Außerdem bietet jedes Heft mit den „Perspektiven“ einen „freien Teil“; auch thematisch anders gelagerte Einreichungen sind also stets willkommen.

INDES wird nach zehn Jahrgängen an der Universität Göttingen unter der Herausgeberschaft von Prof. Franz Walter seit 2022 von Prof. Frank Decker an der Universität Bonn herausgegeben. Die interdisziplinär ausgerichtete „Zeitschrift für Politik und Gesellschaft“ möchte Forschungsergebnisse nachvollziehbar und interessant präsentieren sowie politisch-gesellschaftliche Debatten anstoßen und mit originellen Beiträgen bereichern. Idealerweise gehen dabei Inhalt und Form Hand in Hand: Wichtig ist uns der „gute Stil“; die Beiträge sollen möglichst verständlich und anregend formuliert sein, ihre Lektüre sowohl Erkenntnis als auch Freude bereiten. Neben der klassischen Analyse eröffnet INDES auch andere Formate wie Porträts, Inspektionen, Interviews, Kommentare und Kontroversen. Insbesondere für Wissenschaftler:innen in der Qualifikationsphase bietet INDES zudem die neue Rubrik „Abhandlung“ mit einem Double-Blind-Peer-Review-Verfahren an (sowohl für Beiträge zum Schwerpunkt als auch zum „freien Teil“). Alle Beiträge durchlaufen zudem ein doppeltes Redigat durch die INDES-Redaktion.

 

Beitragsskizzen (max. 300 Wörter) mit Hinweis, ob ein Peer-Review-Verfahren gewünscht ist, bitte bis zum 10.02.2026 an:  indes@uni-bonn.de.

 

Wir teilen unsere Entscheidung bis zum 20.02.2026 mit. Die Einreichungsfrist der Beiträge (rund 20.000 Zeichen) wäre dann der 15.04.2026. Die Ausgabe soll als Doppelheft im Frühsommer 2026 erscheinen.