Die Labour Party ist nicht wiederzuerkennen. Die Vorreiterin eines postsozialdemokratischen »Dritten Weges« jenseits von rechts und links (Anthony Giddens) hat sich einen »altlinken« Vorsitzenden gewählt: Jeremy Corbyn. Der langjährige Mitgliederschwund ist einem massiven Zuwachs gewichen. Und scheintote Constituency Parties haben sich in lebendige Ortsverbände verwandelt, in denen kontrovers diskutiert und zuweilen gestritten wird.

Nicht nur ist es das erste Mal in der Geschichte der Labour Party, dass ein Hinterbänkler zum Vorsitzenden gewählt wurde; eine Premiere ist auch, dass ein Kandidat der Campaign Group, der parlamentarischen Linken innerhalb der Partei, eine Mehrheit erhielt – diese belief sich im Sommer 2015 auf knapp sechzig Prozent und ein Jahr später sogar auf über sechzig Prozent. Das letzte Mal, dass der Labour-Linken ein ähnlicher Erfolg gelang (der aber kein wirklicher Erfolg war), liegt 35 Jahre zurück: Bei der Wahl zum Parteivize im Jahr 1981 unterlag der Linke Tony Benn äußerst knapp dem Parteirechten Denis Healey. Bei der letzten Wahl eines neuen Vorsitzenden – nach Gordon Browns Rücktritt 2010 – erhielt die Kandidatin der Linken, Diane Abbott, dagegen lediglich 7,5 Prozent der Stimmen.

Zwischen Endzeitstimmung und Corbynmania

Allerdings rief im Sommer 2015 der sich immer klarer abzeichnende Sieg Corbyns eine Reihe von mahnenden ehemaligen Vorsitzenden auf den Plan (von Neil Kinnock bis Ed Miliband), die Schreckensszenarien vom bevorstehenden Niedergang der Partei zeichneten. Derartige, von Politprominenz getragene Mahnkampagnen haben derzeit Konjunktur in Großbritannien – beim Referendum zur schottischen Unabhängigkeit waren sie erfolgreich, im Falle Corbyns scheiterten sie ebenso wie bei der »Brexit«-Abstimmung. Zudem signalisierten etliche hochrangige Labour-Politiker*innen, darunter Angehörige der letzten Labour-Regierung, bereits vor Corbyns Wahl, dass sie für sein Schattenkabinett nicht zur Verfügung stünden. Und vor einigen Monaten hatte ihm die Parlamentsfraktion mehrheitlich das Misstrauen ausgesprochen. […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 4-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2017