Gotha. Eine Stadt am Thüringer Wald, in Ost-West-Richtung auf einer Linie mit Jena, Weimar, Erfurt und Eisenach, die auf den ersten Blick weniger Glanz und Gloria mit sich bringt als die Kulturmetropole Weimar oder das reformationsgeschichtlich bedeutsame Eisenach. Doch wer diese Stadt mit ihren derzeit knapp 45.000 Einwohnern nur mit einer Versicherung assoziiert, der übersieht oder unterschlägt historische Geschehnisse, deren Spuren noch heute im Stadtbild erkennbar sind – und die davon zeugen, dass die Stadt sich in der Tradition einer Wissenschafts- und Kulturstadt sah.[1] Neben solchen bis heute sichtbaren Zeugnissen prägten allerdings auch Gebäude die Geschichte der Residenzstadt, die im heutigen Stadtbild nicht mehr zu finden sind. Unter ihnen sticht aufgrund seiner politischen Bedeutung besonders eines hervor: das Volkshaus zum Mohren.

Hier haben einst Goethe, Napoleon und König Friedrich Wilhelm II. genächtigt und das Tanzbein geschwungen. Das Haus, welches direkt an der Kreuzung der ehemaligen Via Regia lag, dieser bedeutenden Handelsstraße zwischen Ost und West, war Schauplatz so mancher bedeutenden Begegnung. Die unterschiedlichsten Personen trafen hier zusammen, betteten sich, aßen zu Abend, tranken den einen oder anderen Wein und diskutierten miteinander, mal lauter, mal leiser. Kontroverse Meinungen und Interessen teilten im Volkshaus, wenn auch nur temporär, ein Dach – ungeachtet ihrer politischen Überzeugungen. Sowohl der Adel als auch Bürgerliche, hungrige ebenso wie müde Reisende fanden Unterschlupf in diesem Gasthof in Gotha. […]

Anmerkungen:

[1] Vgl. Inga Cornelsen, Die Stadt Gotha – ein Kurzportrait, in: Ulfert Herlyn u. Lothar Bertels (Hg.), Stadt im Umbruch: Gotha. Wende und Wandel in Ostdeutschland, Opladen 1994, S. 48–67, hier S. 49.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 4-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2017