Massenaufmärsche und Massendemonstrationen zählen zum unverzichtbaren Repertoire von Mobilisierungsdiktaturen. Die Herrschenden wollen öffentlich suggerieren, alle stünden hinter ihnen. Intern freilich haben diese absurden Schauspiele einen höchst rationalen Zweck. Die mehrheitliche Erfassung des Menschen in Massenorganisationen, bei schriftlich abverlangten Zustimmungserklärungen, bei gefälschten »Wahlen« oder bei Massenkundgebungen offeriert weniger die tatsächliche Haltung der Mitmachenden. Darum geht es den Herrschenden auch nur in zweiter Linie. Wichtiger ist ihnen vielmehr zu erfahren, wer es wagt, sich sichtbar, das heißt durch Nichtmitmachen gegen ihr Regime zu stellen. Die exemplarische Abstrafung dieser »Abweichler« zielt dann wiederum nicht vordergründig auf diese selbst, sondern ist als Drohkulisse und Abschreckungsmaßnahme für die Nichtbelangten, ob nun angepasst oder nicht, zu verstehen. Denn darin ähneln sich alle diktatorischen Regime egal welcher Ausrichtung: Sie wollen nicht als Diktatoren, sondern als bescheidene Werkzeuge eines »überwältigenden Mehrheitswillens« verstanden und wahrgenommen werden. Deshalb spielen angebliche Liebe und vorgetäuschte Güte ihrer Gesellschaft gegenüber auch fast immer eine so große Rolle. Deshalb gehört zu diesen Massenbewegungen immer auch eines dazu: die maßlose Übertreibung. Die Diktatoren übertrieben die Zahlen bei Massenaufmärschen, um zu suggerieren, alle (oder wenigstens fast alle) würden hinter ihnen stehen.

Nicht selten allerdings werden gerade solche Mobilisierungsdiktaturen mit ihren eigenen Waffen geschlagen […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 3-2012| © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2012