Als im Jahr 2015 so viele Menschen wie lange nicht mehr die Grenzen zu verschiedenen Ländern der Europäischen Union übertraten, war schnell der Begriff der Flüchtlingskrise in der Welt. Und er hält sich – bis heute konstant – sowohl in den öffentlichen als auch in den wissenschaftlichen Debatten.[1] Dabei verbindet sich mit diesem Begriff ein ganzes Füllhorn an Bildern: von überfüllten Aufnahmeeinrichtungen, von Auseinandersetzungen zwischen GrenzbeamtInnen, Militär und Polizei auf der einen und Geflüchteten sowie UnterstützerInnen auf der anderen Seite. Zugleich ruft der Begriff Bilder von erschöpften Bootsflüchtlingen an den Küsten Europas ebenso wie von versunkenen Booten und angespülten Leichen wach. Und er steht nicht zuletzt für die unkontrollierte Überwindung von Zäunen und Stacheldraht, für die Proteste an den Grenzen und für den selbst organisierten Aufbruch aus Ländern, in denen keine Lebensperspektive mehr zu erwarten war.

Der Begriff der Krise ist in den letzten Jahren inflationär in Medien und Wissenschaft, in der öffentlichen Diskussion und in verschiedenen Gegenwartsdiagnosen genutzt worden. Wir sprechen von der Finanzkrise, von der Krise politischer Parteien, von der Krise der Demokratie – leben also offenbar in krisenhaften Zeiten. Im alten Griechenland wurde unter einer Krise ein entscheidender Wendepunkt verstanden, die Zuspitzung einer Situation, in der Entscheidungen getroffen werden müssen. Krise bezeichnet damit den Scheitelpunkt einer Entwicklung, verweist auf eine ungewisse Zukunft. Krisenzeiten entziehen sich der Kontrolle und Beherrschbarkeit, sind insofern, zumindest diskursiv, von der Routine und Normalität unterschieden. Sie erfordern schnelles Handeln und Entscheiden, denn Krisen verweisen immer auch auf den Zeitdruck, der langwierige Aushandlungsprozesse zur Gefahr für den Bestand einer Ordnung werden lässt.

Was jedoch ist genau gemeint, wenn von der Flüchtlingskrise die Rede ist? Was gerät warum in eine Krise und was genau ist bedroht oder steht vor einem entscheidenden Wendepunkt? […]

Anmerkungen:

[1] Vgl. etwa Klaus Geiger, Europa schlafwandelt in die nächste Flüchtlingskrise, in: Die Welt, 24.03.2017; Georg Meck, Lehren aus der Flüchtlingskrise, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.08.2016; Stefan Luft, Die Flüchtlingskrise. Ursachen, Konflikte, Folgen, München 2016.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2017 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2017