Noch vor der Machtübernahme des Nationalsozialismus hatte Ernst Bloch 1932 die These von der »Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen« vertreten, die in ihrer eingängigen Paradoxie bis heute nachwirkt:

»Nicht alle sind im selben Jetzt da. Sie sind es nur äußerlich, dadurch, dass sie heute zu sehen sind. Damit leben sie aber noch nicht mit den anderen zugleich. Sie tragen vielmehr Früheres mit. […] Ältere Zeiten als die heutigen wirken in älteren Schichten nach.«[1]

Drei unzufriedene Gruppen – »die« Jugend, »das« Bauerntum und »die« verelendeten städtischen Mittelschichten – seien Träger nicht überwundener Reste »älteren ökonomischen Seins und Bewusstseins« und tendierten nach rechts. Einem Philosophen wie Bloch mag man eine eher suggestive als empirisch fundierte Sichtweise nachsehen. Soziologisch überzeugend war seine These aber schon damals nicht; auch wenn es zweifellos Widersprüche zwischen sozialer Stellung und ideologischer Selbstverortung geben kann.[2] Am Beispiel apokalyptischer Tendenzen unter konvertierten oder muslimisch sozialisierten europäischen Jugendlichen, die sich dem Salafismus oder derzeit in Syrien dem Islamischen Staat (IS) oder der Al Nusra-Front, einem Ableger von al-Qaida, zugewandt haben, möchte ich im Anschluss an den Anthropologen und Ethnografen Clifford Geertz eine andere These vorstellen. […]

Anmerkungen:

[1] Ernst Bloch, Ungleichzeitigkeit und Pflicht zu ihrer Dialektik [1932], in: Ders., Erbschaft dieser Zeit [1935], in: Ders., Gesamtausgabe, Bd. 4, Frankfurt a. M. 1962, S. 104.

[2] Fast zur selben Zeit wie Bloch unterschied Theodor Geiger zwischen Zeit-inadäquaten und Standort-inadäquaten Ideologien; siehe Theodor Geiger, Panik im Mittelstand, in: Die Arbeit, H. 10/1930, S. 637–654.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, Sonderheft-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016