Als bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Sommer 1914 die Reichstagsfraktion der deutschen Sozialdemokratie und die Führungen der Gewerkschaften dem Kriegseintritt zustimmten, waren die Kriegsgegner innerhalb der Arbeiterbewegung zunächst gelähmt und schockiert.[1] Die Organisation einer schlagkräftigen Opposition war mühsam und langwierig; sie erfolgte parallel in Gewerkschaften und Partei. Während in der SPD diesen Prozess Teile der Reichstagsfraktion vorantrieben, ging er in den Gewerkschaften jedoch überwiegend von der Basis aus. Dort entstand mit dem Netzwerk der Revolutionären Obleute eine einflussreiche gewerkschaftliche Untergrundorganisation, die letztlich den Sturz der Monarchie entscheidend mit vorantrieb. Zusammen mit der Spartakusgruppe um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht bildeten die Obleute seit 1917 den linken Flügel der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD). Im Gegensatz zu den Anhängern Liebknechts und Luxemburgs sind die Aktivitäten der Obleute im Geschichtsbewusstsein der Öffentlichkeit allerdings nicht präsent; und auch von Historikern und Historikerinnen sind die Obleute bislang eher als Randthema behandelt worden.

Richard Müller und der Deutsche Metallarbeiterverband

Die Revolutionären Obleute entstanden aus der Berliner Branchengruppe der Dreher innerhalb des Deutschen Metallarbeiter-Verbandes (DMV). Branchenleiter dieser Berufsgruppe war seit 1914 der Metallarbeiter Richard Müller, unter dessen Leitung sich die Berliner Dreher seit Beginn des Krieges der Burgfriedenspolitik der Gewerkschaften widersetzten und wilde Streiks und Lohnbewegungen durchführten. Ihre Stellung als qualifizierte Facharbeiter verlieh den Drehern eine starke Verhandlungsposition; daher konnten sie nicht nur eigene Forderungen durchsetzen, sondern auch für organisatorisch schwächere Arbeitergruppen und vor allem für die Arbeiterinnen Zugeständnisse erreichen.[2] […]

Anmerkungen:

[1] Dieser Beitrag ist eine aktualisierte Version des Aufsatzes »Räteaktivisten in der USPD – Richard Müller und die Revolutionären Obleute«, erschienen in H. 1/2008 der Zeitschrift Jahrbuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung; meine vollständigen Forschungsergebnisse zur Biografie Richard Müllers sind erschienen unter dem Titel: Richard Müller. Der Mann hinter der Novemberrevolution, Berlin 2008.

[2] Vgl. Richard Müller, Vom Kaiserreich zur Republik, Wien 1924. Die organisatorisch schwächere Position von Frauen war nicht naturgegeben, sondern beruhte auf der strukturellen Ausrichtung der Gewerkschaften am Modell des männlichen Ernährers – Frauenarbeit wurde zumeist nur als »Zuverdienst« oder Ausnahmeerscheinung gesehen.

Seite ausdrucken Beitrag bestellen

Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 4-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2017