Über längere Zeit gab es eine im doppelten Sinne merkwürdige Diskrepanz zwischen der gesellschaftlichen Bedeutung von Verschwörungstheorien und der kaum oder gar nicht existierenden wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit diesem kulturellen Phänomen. Ursache hierfür war vor allem der Umstand, dass Verschwörungstheorien in der Öffentlichkeit ein unseriös-zweifelhafter Charakter zugeschrieben wurde und sie deshalb auch wissenschaftlich als degoutant galten. Dabei dürfte insbesondere die Angst vor dem Verlust der eigenen wissenschaftlichen Reputation infolge der Beschäftigung mit einem kulturell unerwünschten Thema eine Rolle gespielt haben. Die Wenigen, die dennoch wagten, sich mit Verschwörungstheorien auseinanderzusetzen, grenzten sich in aller Deutlichkeit von ihrem Untersuchungsgegenstand ab, um am Ende nicht selbst zu jenen »Verschwörungstheoretikern « gezählt zu werden, denen spätestens seit dem paradigmatischen Essay »The Paranoid Style in American Politics«[1] (1964) des US-amerikanischen Historikers Richard Hofstadter ein Hang zu paranoiden Denkformen diagnostiziert worden war. Somit herrschte beim Thema »Verschwörungstheorien« eine Wahrnehmung vor, die Distanz zum Untersuchungsgegenstand nicht nur bewahrte, sondern sie analytisch auch noch einmal explizit markierte und damit das Phänomen gesellschaftspolitisch (und wohl auch sozialethisch) diskreditierte.[2]

Erst seit den 1990er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sind Verschwörungstheorien verstärkt zum Gegenstand geistes- und sozialwissenschaftlicher Untersuchungen geworden – allerdings noch immer in der »Tradition« der bisherigen diskreditierenden Auseinandersetzung. […]

Anmerkungen:

[1] Richard Hofstadter, The Paranoid Style in American Politics, in: Harper’s Magazine (November 1964), S. 77–86.

[2] Vgl. Andreas Anton u. a., Einleitung: Wirklichkeitskonstruktion zwischen Orthodoxie und Heterodoxie – zur Wissenssoziologie von Verschwörungstheorien, in: Dies. (Hg.), Konspiration. Soziologie des Verschwörungsdenkens, Wiesbaden 2014, S. 9–25, hier S. 9 f.

Seite ausdrucken Beitrag bestellen

Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 4-2015 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2015