Es ist selten, dass ein historisches Jubiläum so mit Gegenwartsbezügen aufgeladen wird wie der Erste Weltkrieg. Allzu handgreiflich wirken die Analogien zwischen der Julikrise 1914 und Krimkrise 2014 und ebenso die Gemeinsamkeiten zwischen den damaligen Schlafwandlern und den heutigen Traumtänzern, die beide Male nicht die Zivilisation einem Weltkrieg opfern wollten und doch, damals wie heute in der Logik ihrer nationalen Handlungswelten gefangen, geradewegs in ihn hineinstolperten. Tag um Tag fundiert die politische Publizistik im Ukrainekonflikt ihre jeweilige Position bevorzugt »vor dem Hintergrund, dass gerade immer wieder daran erinnert wird, wie der Erste Weltkrieg vor einhundert Jahren begann: indem der Westen dort gewissermaßen hineinrutschte«.[2] Fast täglich halten Fachhistoriker mit guten Argumenten öffentlich dagegen und versichern: »Die historischen Vergleiche, die die Ereignisse in Kiew und auf der Krim erklären sollen, sind töricht – und gefährlich«.[3] Doch noch in der Absage an die Idee der historischen Wiederholung zeigt sich der Einfluss der Kriegserinnerung auf die Haltung der europäischen Öffentlichkeit und Diplomatie. […]

Anmerkungen:

[2] Stephan-Andreas Casdorff, Keine Zeit für Zurückhaltung. Die westliche Diplomatie muss im Ukrainekonflikt mutige Schritte wagen, in: Der Tagesspiegel, 28.04.2014.

[3] Gregor Schöllgen, Dies ist keine Julikrise und auch kein Kalter Krieg, in: Süddeutsche Zeitung, 26.03.2014.

Teil 1 (»Aufarbeitung als Paradigma«) findet sich in INDES, H. 1/2014: Die 1980er Jahre.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 4-2014 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2014