London, an einem sommerlichen Tag im Jahre 1923, im Buckingham Palace: Es ist an der Zeit, Rose, die junge Nichte von Lord und Lady Grantham, in die Gesellschaft einzuführen. Lord Grantham scheint sich besonders wohl zu fühlen: Kurz bevor Rose König George V. vorgestellt werden soll, erläutert der dem Anlass angemessen gekleidete Mann sichtlich begeistert das anstehende Prozedere. Ebensolche Ereignisse inszeniert die Serie »Downton Abbey« von Julian Fellowes als ihre Höhepunkte. Auf den ersten Blick wirkt die Produktion wie eine Apologie der aristokratischen Dekadenz. Doch ist »Downton Abbey« dabei vielschichtig, selbstreflexiv und erzählt uns, wie Historiendarstellungen so oft, mehr über die Gegenwart, in der sie geschaffen worden ist, als über die eigentlich dargestellte vergangene Welt.

»Downton Abbey« zeigt das Leben einer Aristokratenfamilie im großen Gezeitenwandel des frühen 20. Jahrhunderts, der immer wieder als dezenter Besucher in die Privatsphäre der Crawleys, deren Oberhaupt Robert den Adelstitel Lord Grantham trägt, einbricht. Die Geschichte spielt in den Jahren 1912 bis 1925. Dabei wird der zeitgenössischen Ästhetik eine große Rolle beigemessen. Und Ästhetik meint hier nicht die reine Schönheit konservativer Stilistik, die vor allem Geschmacksfrage ist, sondern vielmehr eine für Serien untypische Umkehrung: Ein wenig ist es so, als würde der Plot nurmehr die Bühne für das eigentliche Geschehen darstellen – und nicht andersherum, wie sonst so oft, vom ästhetischen »Beiwerk« gerahmt werden.

In »Downton Abbey« hat sich die Handlung der Ästhetik zuweilen unterzuordnen. Jedenfalls operiert die Serie mit vielen optischen, ikonischen und atmosphärischen Stilmitteln, teils mit Andeutungen, oft mit Details. Beispielsweise wird der Wandel von Geschlechterrollen nicht alleine über die Story, sondern ganz entschieden über optische Höhepunkte, etwa Mode, inszeniert. […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 3-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016