Paris, 30. Mai 2015, Gründungskongress der Partei Les Républicains (LR). Noch während der frühere Premierminister und heutige Bürgermeister von Bordeaux, Alain Juppé, spricht, branden »Nicolas! Nicolas!«-Rufe auf. Kurz darauf betritt Sarkozy die Tribüne. Die versammelten 10.000 Mitglieder und Sympathisanten sind jetzt nicht mehr zu halten, sie stehen auf und skandieren abermals lautstark seinen Vornamen, klatschen und schwenken die Trikolore. Und auch die sehnlich erwartete dreiviertelstündige Rede, in der Sarkozy den Aufbau einer »Republik des Vertrauens« verspricht, wird immer wieder von frenetischem Beifall unterbrochen.

Wie ist es dazu gekommen, dass der frühere Staatspräsident, der nach seiner Wahlniederlage 2012 seinen Abschied aus der Politik verkündet hatte, derart gefeiert wird? Sind die magere Bilanz seiner fünfjährigen Amtszeit und all die Affären, in die Sarkozy noch immer verwickelt ist, bereits vergessen? Vergessen auch die hohen Schulden der Partei, für die er eine Mitverantwortung trägt? Und klingt nicht das, was Sarkozy jetzt in bisweilen erschreckend demagogischem Tonfall vorträgt, teilweise ganz anders als das, was er noch vor ein paar Jahren verkündete?

Kaum einer der Anwesenden scheint sich diese Fragen ernsthaft zu stellen. […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 3-2015 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2015