Die Massen als Menetekel. So könnte man eine spezifische Paranoia von Adelsklasse und Bürgertum zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf eine Überschrift bringen. Doch blieb es nicht nur bei Überschriften. Die Furcht der Eliten fand auch ihre Theoretiker, begründete einige Jahrzehnte die »Massensoziologie«, die vom französischen Arzt und Psychologen Gustave Le Bon über den ebenfalls in Frankreich forschenden Soziologen Gabriel Tarde bis hin zum Spanier José Ortega y Gasset reichte.[1] Le Bons »Psychologie de foules« eröffnete den Reigen, prägte auch in ihrer kontroversen Erörterung die Deutungsmuster über die Massen.[2] Das Buch wurde zum Bestseller. Die Masse, wie sie Le Bon sah und charakterisierte, war eine Gefahr für Zivilisation, Individualität und Rationalität. Denn in der Masse veränderte sich das Individuum zu seinem Nachteil, es verlor gleichsam den Verstand und ließ sich allein von Affekten, Augenblicksgefühlen und Erregungen leiten. Der Mensch in der Masse konnte in schlimmen Fällen zum Barbaren regredieren. Und Le Bon ließ keinen Zweifel daran, an wen er in erster Linie dachte, als er dem Leser seine Sorge vor dem Untergang der Kultur mitteilte: an die neue Sozialfigur des Proletariats in der ideologischen und organisatorischen Gestalt des Sozialismus.

Schließlich hatte die Industriegesellschaft, hatte die bürgerliche Moderne selbst geschaffen, was sie nun verängstigte: Massen an Arbeitern in großen Fabriken. Und da jeder Arbeiter für sich ohne anspruchsvolle Bildung, erst recht ohne Produktionsmittel, überhaupt ohne tragendes Eigentum im Leben stand, hatte er nur eine Chance, sich Gehör und Bedeutung zu verschaffen […]

Anmerkungen:

[1] Einführend hierzu Thomas Alexander, Grundriß der Sozialpsychologie, Bd. 2, Individuum-Gruppe-Gesellschaft, Göttingen 1992, S. 254–295.

[2] Vgl. Gustave Le Bon, Psychologie des foules, Paris 1895 [deutsch: Psychologie der Massen].

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 3-2012| © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2012