Der Streit der Fakultäten gehört seit jeher zum Kernbestand von Wissenschaft. Doch wo hört sein legitimer Bereich auf? Dürfen wissenschaftliche Krähen einer anderen ein Auge aushacken? Zumindest dürfen sie darauf hinweisen, wenn Wissenschaft gegen ein vielleicht Profit versprechendes, gleichwohl haltlos-prophetisches Heilsprojekt eingetauscht wird.

I.

Paradigmenwechsel fordert man nicht ein – sie geschehen. Zur Geltung verholfen wird ihnen nicht per Akklamation im Triple-A-Journal der jeweils zuständigen Scientific Community, sondern sie vollziehen sich einfach, sofern sie im zeitgeistigen sozialen Kontext größere Resonanz erzeugen können als das bisherige Angebot. Das aktuell Verblüffende: Nicht immer bekommt Wissenschaft die Verschiebungen ihrer fundamentalen Tektonik noch mit. Was sagt das über die jeweilige Disziplin? Handelt es sich um aktive Ignoranz, welche die umstürzenden Veränderungen in ihrem Bereich verharmlost oder ignoriert? Oder um den berühmten »blinden Fleck«, der nicht erlaubt, die große différance, also die große Verschiebung, wahrzunehmen? Der im Folgenden präsentierte Change ist diesbezüglich prinzipieller Art: eine bemerkenswerte Verschiebung vom Kognitiven ins Ökonomische, weg vom Erforschen und Verstehen (Sinnanalyse), hin zum Plausibilisieren und Impulse-Setzen (Sinnproduktion). Das funktioniert mithilfe effektiver Sinnstiftungen durch geistige Nudges: durch die verhaltensökonomisch fundierte Kommunikationstechnik des sanften »Schubsens«, wodurch Handeln nicht verboten, sondern Verhalten nahegelegt wird und Individuen oder Kollektive in eine gewünschte, zumeist als gut oder optimal ausgewiesene Richtung[1] »geschubst« werden sollen. Der Blick geht dabei in Richtung des materiellen Ertrags: Textproduktivität und Handlungsanstöße treffen auf smarten Geschäftssinn. Science goes entrepreneurial. […]

Anmerkungen:

[1] Grundkonzept bei Richard H. Thaler u. Cass R. Sunstein, Nudge: Wie man kluge Entscheidungen anstößt, Berlin 2011 [2008]. Entsprechende Normentheorie bei Christoph Möllers, Die Möglichkeit der Normen. Über eine Praxis jenseits von Moralität und Kausalität, Berlin 2015.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2017 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2017