Kann die christlich-konfessionelle Differenz heute, im Angesicht akuter konflikthafter Aufladungen im Verhältnis zwischen den Religionen auch lehrreich sein? Wenn schon nicht als detailgenaue Blaupause, so doch als teils warnendes, teils vorbildhaftes Beispiel für die Frage, wie Religionen, die sich trennen oder getrennt nebeneinander existieren und Reibungspunkte haben, miteinander umzugehen vermögen?

Ebendas haben mein evangelischer Amtskollege Bedford-Strohm und ich selbst immer wieder unterstrichen: Wäre das nicht ein Zeichen nach all den konfessionellen Auseinandersetzungen bis hin zu den blutigen Kriegen, die wir in Deutschland und ebenso etwa in England und den Niederlanden erlebt haben – Konflikten und Kriegen, die nicht nur religiöse Ursachen hatten, aber mit der Religion Dynamik und Schwungkraft bekommen und so viel Blut und so viele Tränen gekostet haben? Schaffen wir es, jetzt zu zeigen, dass man Vielfalt annehmen und trotz einer Vielfalt ganz unterschiedlicher Ausdrucksformen in einer Gesellschaft friedlich zusammenleben kann? Das wird eine Kernfrage der Zukunft unserer Gesellschaften überhaupt sein: Ist es möglich, eine Gesellschaft zu organisieren, in der Differenz und Vielfalt nicht nur ausgehalten, sondern im Rahmen dessen, was von den Menschen und Grundrechten her vorgegeben ist, auch respektiert und toleriert, vielleicht sogar als Reichtum erkannt werden? Da gibt es manche, die das heute bezweifeln, die das ganze Projekt einer differenzierten, pluralen und offenen Gesellschaft, in der es unterschiedliche Weltanschauungen und Religionen, Gläubige und Nicht-Gläubige gibt, infrage stellen. Und wenn wir als Christen vor diesem Hintergrund sagen, uns verbindet im Tiefsten etwas Gemeinsames und wir können mit den Unterschieden, die noch da sind, die man auch nicht alle überwinden kann, auch nicht alle überwinden muss, gut im Respekt voreinander leben, dann ist das ein gutes Zeichen.

Wenn Sie vom Kern des Christlichen und von der großen christlichen Botschaft sprechen, über die Klarheit bestehen würde: Zeigt nicht schon der Blick alleine auf die Katholische Kirche und noch einmal begrenzt auf Europa bereits hier erheblich divergierende Interpretationen dieses von Ihnen hervorgehobenen Kerns, die sich in konträren weltlichen Gestaltungsforderungen niederschlagen? Sie selbst jedenfalls begründen Ihre auch politisch relevanten Wortmeldungen vielfach aus dem Wesen des Christentums und des christlichen Menschenbildes heraus. Was wäre dann aber das Wesen des Christlichen?

Dieses Wesen ist nicht einfach gegeben, darüber muss man immer wieder neu reden. Natürlich haben wir ganz unverrückbar das Glaubensbekenntnis, und wenn wir durch die Kirchengeschichte hindurchgehen, ist ganz unzweifelhaft, was die Kirche im Glauben bekennt und auch lehramtlich formuliert. Das sind Dinge, die man nicht unterlaufen kann, etwa durch Relativierung. Aber man kann durch neue Erkenntnisse vieles erweitern, angeleitet von der Frage, was eigentlich im Tiefsten gemeint ist. Ein solch frommer Papst wie Johannes XXIII. hat einmal gesagt, dass wir vielleicht gerade erst zu verstehen beginnen, was das Evangelium uns sagen will. Der Glaube vermittelt sich nicht über eine vermeintliche abgeschlossene Allwissenheit, sozusagen die christliche Wahrheit als ein System; es geht vielmehr um eine große Abenteuerreise des Geistes! Dies natürlich nicht ohne Fundament. Wir Christen haben das Fundament in der Person Jesu Christi, im Evangelium, wir haben die große Glaubensgeschichte, die Wirkungsgeschichte der Kirche. Aber es muss auch weitergehen.

Zwei Elemente der biblischen Botschaft schätze ich diesbezüglich als zentral für die christliche Verkündigung ein: Das eine ist der Auszug aus Ägypten, mit dem der Historiker Heinrich August Winkler nicht zufällig seine »Geschichte des Westens« beginnen lässt. Der Exodus gehört zu den wesentlichen Grundlagen des christlichen Selbstverständnisses. Auf diese Bedeutung weist auch der bekannte Ägyptologe Jan Assmann in seinem sehr anregenden Buch »Exodus« hin. Diese Weltsicht hat Europa und so auch den »Westen« zutiefst geprägt. Diese biblische Botschaft lautet, dass die Welt kein Kreislauf ist. Und die Götter sind nicht irgendwie Teil der Welt. Gott ist, ganz im Gegenteil, gerade kein Teil der Welt. Aber er hat eine Beziehung zur Welt, er ist der Schöpfer. Und er hat ein Projekt vor Augen, das Projekt von Recht und Gerechtigkeit, Güte und Erbarmen: Exodus, die Befreiung aus einem Sklavenhaus, die Stiftung eines neuen Bundes, einer neuen Gesellschaft. Gott lässt sich auf die Geschichte der Menschen ein und treibt sie voran. Auf welches Ziel hin? Auf das Ziel von Recht, Gerechtigkeit und der Gemeinschaft aller Menschen, versinnbildlicht im Berg Zion, zu dem alle Völker pilgern, und auf Heilung und Versöhnung hin. Schon die ersten Sätze der Bibel sind ja eine, vielleicht die größte Revolution: Jeder Mensch ist willkommen, alle sind verwandt über Adam und Eva in der einen Menschheitsfamilie. Das ist mehr, als die Französische Revolution hervorgebracht hat, dass alle Menschen unabhängig von ihrem Glauben, ihrem Geschlecht und ihrer Hautfarbe Bild Gottes sind. Schluss mit der Klassengesellschaft! Das ist das erste Mal in der Menschheitsgeschichte, dass das eingetragen wird. Nun hat sich das Volk Gottes der Kirche zweifellos oft unterhalb dieses Niveaus bewegt. Aber es wurde doch nicht bestritten. Insofern handelt es sich um ein Projekt, das durch die Geschichte hindurchgeht. Das ist das eine. Das andere ist, dass Gott selbst sich durch seinen Sohn Jesu von Nazareth vollständig und unmittelbar auf die Welt einlässt, sich durch das Christusereignis in die Geschichte der Menschen hinein verschenkt, die Wunden der Welt heilt. Angst, Gewalt, Tod, Sünde haben nicht das letzte Wort. Vielleicht ist es nicht immer leicht, die Radikalität zu vermitteln, die dahintersteckt.

Das sind also die wesentlichen Punkte: einerseits der Exodus und das Projekt Gottes mit der Welt, die in der ganzen biblischen Botschaft enthalten sind; andererseits die Konzentration dieser Geschichte im Leben und Sterben und in der Auferstehung Jesu von Nazareth.

Ist das nicht reichlich abstrakt? Ist dergleichen an der katholischen Basis präsent?

Die christliche Botschaft wird an jedem Sonntag sakramental gefeiert, nicht nur symbolisch; an jedem Sonntag ist diese neue Welt schon da, ist sie schon Wirklichkeit geworden. Die Menschen hören in der Heiligen Messe die Worte Jesu: Das ist mein Leib – für euch; mein Blut – vergossen für alle! Immer wieder werden wir an diesen zentralen Aufbruch erinnert, aber eben auch ermuntert, das zu leben. Das gibt dem Ganzen eine ungeheure Dynamik auf ein Ziel hin. Unser christlicher Auftrag ist von daher, in dieser Kultur das wirklich Zentrale des christlichen Glaubens zur Sprache zu bringen. Und mit Blick auf die Katholische Kirche umfasst dieser Auftrag auch, die umrissene Glaubenssubstanz öffentlich sakramental zu feiern. Wirklich zu feiern, in der Eucharistie, die für uns das Zentrum darstellt, das Fest des Todes und der Auferstehung Jesu, der neuen Welt. Da habe ich keine Sorge, dass das auch in Zukunft unersetzbar bleibt. Aber wir dürfen uns nicht in Nebensächlichkeiten verlieren und uns nur noch auf ein bloßes Kulturchristentum beschränken.

Helfen diese Glaubensmaximen aber konkret? Sie wirken auch außerhalb der Kirche und beraten u. a. den Papst in europäischen Fragen. Jüngst waren Sie bei einem Treffen europäischer Staatschefs mit dem Papst, der den in vielen politischen Fragen tief gespaltenen Politikentscheidern, unter ihnen Viktor Orbán, ein vertieftes Verständnis von Europa vermitteln sollte.

So etwas ist doch eine gute Chance. Ich glaube, vor zehn Jahren wäre das nicht möglich gewesen, dass alle, auch die protestantischen Staatsoberhäupter und Regierungschefs, einer gemeinsamen Audienz beim Papst zugestimmt hätten. Da merkt man auch ein gewisses Momentum, unabhängig von der Zahl praktizierender Christen, einen Bedarf an Selbstvergewisserung in diesen turbulenten Zeiten. Niemand hat perfekte Antworten, aber die Kirche will mitgehen und Antworten ermöglichen, sie will auch gerade das große Projekt Europa mitgestalten. So hatte Papst Franziskus schon zuvor die europäischen Institutionen besucht, bevor er im Anschluss einzelne europäische Länder bereiste. Und dann hat der Papst in seiner Rede vor den Staats- und Regierungschefs gerade nicht gesagt, es müssten jetzt alle ein christliches Europa wiederaufbauen; er hat die Pluralität anerkannt, als er sagte: Wir Christen wollten mithelfen, das europäische Projekt zu schützen und zu gestalten. Europa sei ein Bezugspunkt der Humanität für alle Menschen, alle Menschen seien gleich an Würde. Alle Menschen und jeder Einzelne! Und diese normativen Grundlagen Europas könnten wir nicht verstehen ohne das Christentum und die biblische Botschaft. So weit Papst Franziskus. Deshalb müssen die Kirchen zu Angriffen auf Europa Stellung beziehen. Da muss die Kirche sagen, das ist die große Tradition Europas, die man vom Christentum, meiner Ansicht nach, nicht trennen kann. Das hat das Abschlussbild aller Regierungschefs mit dem Papst unter dem »Jüngsten Gericht« von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle für mich bewegend zum Ausdruck gebracht.

Aber die Kirchenleitungen in den einzelnen Ländern reagieren doch auf die zeitgenössischen Herausforderungen sehr unterschiedlich. Wenn etwa als Beispiel herangezogen wird, wie sich die Katholische Kirche in Deutschland zur Flüchtlingsfrage positioniert und wie die polnische Katholische Kirche damit umgeht, dann sind die innerkatholischen Divergenzen unübersehbar.

Ich will jetzt nicht einzelne Länder anschauen und kritisieren, das steht mir nicht zu. Aber wir haben den Papst und dessen recht unmissverständliche Botschaft. Damit hat die Katholische Kirche eine Orientierung. Und dann haben wir natürlich die konkreten Situationen vor Ort. Und da glaube ich schon, dass auch innerhalb der Katholischen Kirche neu gesucht und neu diskutiert werden muss: Was ist eigentlich unser Auftrag in dieser Gesellschaft oder in der Gesellschaft insgesamt? Wie stehen wir zur offenen Gesellschaft, wie zur pluralen Demokratie? Die Kirche ist auch immer in die sie jeweils umgebenden Gesellschaften eingebunden; die Fragen der Menschen, der Gläubigen, der Priester können sie nicht kalt lassen. Und gerade in Osteuropa ist es für viele sehr schwer geworden, diese ganze Wucht der politischen, wirtschaftlichen und auch kulturellen Veränderungen der letzten Jahrzehnte einigermaßen zu verarbeiten. Das dürfen wir, glaube ich, nicht unterschätzen. Und wir merken ja selbst bei uns, dass auch christliche Stimmen lauter werden, die in eine nationale Enge und eine eher homogene Gesellschaft zurückwollen. Jede Überheblichkeit anderen gegenüber unterlassend, bleibt die Frage für mich: Was ist mein Auftrag? Was ist die Aufgabe der Kirche? Wir müssen dafür eintreten, dass es für Menschen unterschiedlicher Weltanschauungen, für Gläubige und Nichtgläubige, Wege gibt, in einer Gesellschaft zusammenzuleben. Wenn wir das nicht tun, denke ich, wird Religion wieder zu einem falschen Differenz- und Abgrenzungsmerkmal, so wird der Samen ausgestreut für zukünftige Konflikte. Wir gewärtigen doch heute zwei Tendenzen: zum einen den Säkularismus, über den viele Bischöfe klagen oder schon immer geklagt haben. Zum anderen aber besteht aktuell die Gefahr einer neuen Instrumentalisierung der Religion. Und dazu kann auch das Christentum, wie wir aus der Geschichte wissen, benutzt werden. Hinzu kommt, dass religiöse Identität und Tiefe vielfach durch ein oberflächliches religiöses Patchwork ersetzt wurden, was sich in bestimmten Symboliken und Begriffen wie dem sogenannten christlichen Abendland ausdrückt, wo Nation und Religion schlicht identifiziert werden oder sogar neue Kreuzzüge verbal vorbereitet werden.

Wenn Sie sagen, man müsse die jeweiligen Spezifika in den Ländern beachten: Ist das nicht ein Blickwinkel, der für die Kirche eigentlich vollkommen irrelevant sein müsste, zumal sie nicht auf Mehrheiten zu schauen braucht und die praktisch- politischen Kompromisszwänge und Umsetzbarkeitshindernisse von der Kirche als einer ideellen Gemeinschaft ignoriert werden können? Anleitend für sie sind vielmehr die von Ihnen genannten Prinzipien des christlichen Glaubens, ist die Gottes- und Nächstenliebe. Wie weit reichen aber diese Prinzipien, wenn auf der einen Seite Leute wie Sie in der Flüchtlingsfrage weit über die Position auch linker Politikerinnen und Politiker hinausgehen, indem selbst wirtschaftliche Fluchtmotive als berechtigt anerkannt werden, und auf der anderen Seite auch Christen auf nationale Abschottung drängen?

Abschottung kann keine kirchenamtliche Position sein, das ist ganz klar. Aber natürlich kann ich auch nicht einfach mit dem Finger schnippen – und schon sind durch eine grundsätzliche prinzipielle Ausrichtung auf die Gottes- und Nächstenliebe sowie die Geschwisterlichkeit aller Menschen sämtliche Probleme gelöst. Aber im Sinne des barmherzigen Samariters dürfen wir nicht vor allem fragen, was aus uns wird, wenn wir jemandem helfen. Sondern: Was wird aus dem Hilfsbedürftigen, wenn wir tatenlos vorübergehen? Jesus verändert den Blickwinkel. Er erklärt nicht, wie das Problem zu lösen ist, sondern er appelliert, nicht vom eigenen möglichen Nachteil auszugehen, der einem durch das Helfen selbst entstehen kann, sondern die Folgen bei dem sehen zu können, dem die Hilfe versagt wird. Das ist der neue christliche Weg. Damit habe ich zwar noch nicht alle Probleme gelöst, aber ich kann Leitlinien des Umgangs entwickeln, an denen ich persönlich bis heute festhalte: Jede und jeder, der an unsere Grenze kommt, wird erstens menschenwürdig behandelt, bekommt zweitens ein faires Verfahren und wird drittens nicht zurückgeschickt in eine Situation von Krieg und Verfolgung. Viertens müssen wir alles tun, damit die Grenze Europas keine Grenze des Todes ist und, wie in den vergangenen Jahren, jedes Jahr tausende Menschen den Tod im Mittelmeer finden. Und das Fünfte ist vielleicht das Entscheidende: Was tun wir, um in den Fluchtländern die Situation so zu verbessern, dass Menschen ihre Heimat nicht verlassen müssen? Es ist gut, dass etwa Afrika endlich stärker in den Blick genommen wird. Das ist ja auch in unserem Interesse, wie damals der Marshall-Plan. Der Begriff wird ja heute wieder von der Politik aufgegriffen. Einen nicht unerheblichen Teil des eigenen Bruttoinlandsproduktes haben die Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebracht, auch um eine neue Friedens- und Sicherheitsidee umzusetzen. Heute dagegen wird fast nur noch über Militärausgaben gesprochen! Also: Was können wir tun, damit Menschen in ihrer Heimat bleiben können? Was wird investiert? Wie können Länder entwickelt werden? Das müsste ein gemeinsames Weltprojekt, ein gemeinsames europäisches Projekt werden. Und da kann eigentlich kein Christ sagen, das sei ihm egal. Was aus diesen Menschen wird, darf einem Christen nicht egal sein! Dafür müssen wir kämpfen.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2017 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2017