Es sind oftmals Mischungen aus Literatur, Feuilleton und Gesellschaftsanalyse, denen wir die tiefsten und farbigsten Einblicke in Wege und Wirkungen von Modernisierungsschüben verdanken. Gerade Großstädte als Orte, an denen sich gesellschaftliche Entwicklungen wie unter einem Brennglas betrachten lassen, haben an vielen Stellen der Geschichte Interpreten und Betrachter gefunden. Von Carl Ludwig Börnes Pariser Briefen bis zu Joseph Roths Berliner Feuilletons, von Charles Baudelaire, Franz Hessel, Siegfried Kracauer, Walter Benjamin und John Steinbeck bis hin zu Hunter S. Thompson, Susan Sontag oder auch Paul Auster: Dass Großstädte und ihre literarische Verarbeitung für das Verständnis einer Zeit von besonderem Wert sind, hat bereits seit langem Eingang auch in den Methodenkanon der Sozialwissenschaften gefunden.[1] Denn sie sind oft der physische Punkt, an dem gleichzeitig ablaufende Prozesse und Metamorphosen aufeinander stoßen, Widersprüchlichkeiten und Paradoxien innerhalb einer Gesellschaft in einer ansonsten verschleierten Deutlichkeit sichtbar werden und neue Melangen sich herausbilden – besonders in Zeiten, in denen beschleunigte gesellschaftliche Transformationsprozesse heftig mit Traditionsbeständen und überkommenen Mentalitäten ringen.

Dabei sind die Kategorien und Deutungsmuster zum Verständnis urbaner Synthesen von nicht ganz Vergangenem und im Entstehen Begriffenem noch nicht festgelegt. In Phasen von umfassenden gesellschaftlichen Umbrüchen lässt sich das Gegenwärtige zuerst einmal nur im ungeordneten Nebeneinander, in der bloßen Sammlung der Beobachtungen erfassen. […]

Anmerkungen:

[1] Vgl. Robert Ezra Park, Human Communities. The City and Human Ecology, New York 1952, S. 15.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2015 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2015