Nach dem Großen Krieg (1914–18) stand in vieler Leute Augen der abgedankte deutsche Kaiser Wilhelm II. als Alleinschuldiger da, als besinnungsloser Machthaber mit imperialistischem Größenwahn, der unter Zuhilfenahme seiner hochgerüsteten Streitkräfte und beflügelt von nationalistischen Fantasien die übrigen Großmächte in einem vermeintlich günstigen Augenblick hatte ausschalten wollen. Diese extreme Meinung provozierte eine ebenso extreme Gegenmeinung, die dieses Urteil als niederträchtige Propaganda der alliierten Siegermächte geißelte. Anschließend, und im Grunde bis heute, setzten mannigfaltige Differenzierungsversuche ein, die Wilhelm II. eine mal mehr, mal weniger große Verantwortung für den Kriegsausbruch zuschrieben. Sporadisch tauchten neue Quellen auf, die eine Revision früherer Urteile zuließen, manchmal sogar verlangten. Doch zu einer einhelligen Meinung kam es nie. Inzwischen würden sich vermutlich die meisten Experten auf folgende Version einlassen: Wilhelm II. mochte zwar ein prahlerisches und selbstverliebtes Staatsoberhaupt gewesen sein, doch einen europaweiten Krieg unter den fünf Großmächten Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Österreich-Ungarn und Russland erstrebte er wohl nicht.

Sicher, während der Juli-Krise 1914 reagierte er auf eingetroffene Meldungen jeweils unbeherrscht und meist mit martialischen Äußerungen und euphorischen Ankündigungen […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2013 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2013