Über Utopien zu reden, das ist mir unbehaglich. Es muss dazu gar nicht, erstens, der Kalauer vom Wortsinne der Vokabel Utopie – nämlich Nicht-Ort – bemüht werden. Etwas also, das es hienieden nicht gibt, nicht geben kann und das immer furchtbar, weil terroristisch, ausfällt, wenn doch der Versuch gemacht wird, die Wirklichkeit in utopischer Absicht umzumodeln. Eine viel einfachere Begründung reicht, zweitens, vollkommen aus. Was geschieht, Geschichte also, ist immer Ereignis. Es geschieht, nichts davon ist planbar. Wer Zukunft doch planen will, muss sich blamieren. Es kommt immer anders, man tut gut daran, sich geduldig, offen und demütig auf diesen Grundzug von Geschichtlichkeit einzustellen, einzulassen. Und wenn es, drittens, um die Zukunft des Bürgerlichen gehen soll, ist vom utopischen Begehren schon gar abzuraten. Denn die Bürger, diese Pioniere des Offenen und Unkalkulierbaren, zeichnete es in ihrer goldenen Zeit vor allem aus, dass sie bereit waren, sich auf die Unplanbarkeit dessen einzulassen, was da kommen wird. In dieser Haltung steckte auch eine Bescheidenheit, die viel mit dem bürgerlichen Nein zur Teleologie zu tun hatte. Keineswegs, weil Gott und nicht der Mensch lenkt, sollte man – bei aller Neugier aufs Kommende – die Zukunft als eine kategorisch bessere planen. Man sollte es nicht tun, weil es sinnlos ist. Weil die Geschichte vielleicht kein Nullsummenspiel ist, aber doch eine Veranstaltung mit steten Gewinnen wie Verlusten. Der Bürger sagt: Es kann vielleicht besser werden, es ist aber auch gut, wenn es nicht schlechter wird, wenn der Vorrat an Normen, Werten, Institutionen halbwegs hält und nicht von den Transformationskünstlern der Gegenwart verzehrt wird. Der Bürger ist kühn und melancholisch. Er ist es gewohnt, auf das, was war, nicht ohne einen Anflug von Trauer zu blicken. Es geht immer etwas verloren. […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2012| © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2012