Mit dem Zusammenbruch der Herrschaftsordnungen des sowjetischen Typs erlebte der Utopiediskurs vor allem in der Bundesrepublik Deutschland eine Renaissance, weil dieses Ereignis mit dem Ende der ihnen zugrunde liegenden Utopie interpretiert wurde.[*] Zuvor hatte in den Gesellschaftsordnungen der sowjetischen Bolschewiki – genau wie in der klassischen Utopie – die Politik gegenüber der Wirtschaft ebenso Vorrang wie die bürokratische Bevormundung der Einzelnen gegenüber den individuellen Bürger- und Menschenrechten. Auch besaß die kollektive Planbarkeit einen höheren Stellenwert als persönliche Spontaneität und Kreativität. Die Überwachung der Einzelnen dominierte gegenüber dem Recht auf Selbstbestimmung, gleiches galt für das Prinzip der Abschottung nach außen – eindrucksvoll symbolisiert durch den »Eisernen Vorhang« (Churchill) – gegenüber der ungehinderten Bewegungsfreiheit. […]

Anmerkungen:

[*] Dieser Essay fasst Kernthesen meiner Auseinandersetzung mit der Zukunft der Utopie seit Anfang der 1990er Jahre zusammen. In diesem Zusammenhang möchte ich auf folgende Anthologie verweisen: Richard Saage (Hg.), Hat die politische Utopie eine Zukunft?, Darmstadt 1992.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2012| © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2012