Die Utopie hat im 20. Jahrhundert ihre Unschuld verloren. Dabei sahen sich die totalitären Ideologien des vergangenen Säkulums eigentlich im scharfen Gegensatz zu utopischem Denken. Sowohl der Nationalsozialismus als auch der Kommunismus beanspruchten, den Idealzustand der Welt nicht nur in ideellen Sphären zu denken, sondern auf »wissenschaftliche« Weise verwirklichen zu können, indem sie den ewigen Gesetzmäßigkeiten der »Rasse« oder den unerbittlichen »Gesetzen der Geschichte« folgten. Utopismus, also die Neigung, sich kraft des eigenen Verstandes und der eigenen Fantasie einen glücklichen Endzustand der Menschheit auszudenken, galt diesen Ideologien als Häresie gegen die allein gültige »wissenschaftliche Wahrheit«, die in den totalitären Systemen Gestalt angenommen habe. Utopisten waren für die totalitären Doktrinäre dementsprechend, sofern es sich um historische Denker handelte, bestenfalls unwissende Vorbereiter der nunmehr »wissenschaftlich « fundierten, allein gültigen Weltanschauung. Diejenigen aber, die auch in der Gegenwart noch »unwissenschaftlichen« utopischen Visionen anhingen, waren nach dieser Logik als unbelehrbare, zersetzende »Reaktionäre« zu betrachten.

In der kommunistischen Ideologiegeschichte legten bereits Marx und Engels den Grundstein für diese Aussonderung der Utopie aus dem ideologischen Rüstzeug, indem […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 2-2012| © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2012