Am Anfang der Reformation steht das Verhältnis von Glauben und Handeln. Mit Verve und schließlich auch unter Inkaufnahme aller Konsequenzen beharrten die Reformatoren darauf, dass der Kern des christlichen Glaubens nicht im Befolgen moralischer Anweisungen liege, sondern im Vertrauen auf Gott den Schöpfer, Versöhner und Erlöser. Dieser Glaube bildet die Grundlage, auf der sich Christinnen und Christen dem Nächsten zuwenden. Weil sie auf Gottes heilschaffende Kraft vertrauen, können sie ihre ganze Aufmerksamkeit dem Nächsten und seinen Bedürfnissen widmen.

Christliche Religionen der Weltgestaltung

Vor diesem Hintergrund ist nur folgerichtig, dass Wolfgang Schäuble in einem Beitrag anlässlich des bevorstehenden Reformationsjubiläums mahnend eine Fixierung des Protestantismus auf das politische Engagement diagnostiziert.[1] Ganz in der Tradition der Reformatoren betont er, der Evangelischen Kirche drohe der »spirituelle Kern« abhandenzukommen, ohne den selbst »die bestgemeinte politische Programmatik schal und ihr selbst gestecktes Ziel […] unerreicht«[2] bleibe. Es »entsteht der Eindruck, als gehe es in der evangelischen Kirche primär um Politik, als seien politische Überzeugungen ein festeres Band als der gemeinsame Glaube«[3]. Schäuble bestreitet nicht, dass Religion politisch sein muss, doch müsse sie, »um politisch zu sein, erst einmal Religion sein«[4].

Trotz aller Anleihen an die Reformationszeit ist zwar die Diagnose Schäubles einer Konzentration auf politische Fragen richtig; die Grundlage, von der aus er diese Schwerpunktsetzung kritisiert, ist es aber nicht. Denn der christliche Glaube ist immer politisch; schon im biblischen Zeugnis entfaltet er seine Kraft nur, weil er sich mit einer politischen Metaphorik verbindet. Begriffe wie »Reich Gottes«, »Gerechtigkeit«, »Gnade« lassen sich als religiöse Begriffe nur deuten und verstehen, weil sie an entsprechende Erfahrungen im Raum des Politischen anknüpfen können. […]

Anmerkungen:

[1] Siehe Wolfgang Schäuble, Das Reformationsjubiläum 2017 und die Politik in Deutschland und Europa, in: Pastoraltheologie, Jg. 105 (2016), H. 1, S. 44–53.

[2] Ebd., S. 46.

[3] Ebd.

[4] Ebd.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H.&1nbsp;-2017 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2017