»Wir haben uns darin getäuscht und müssen (…) zu der Erkenntnis gelangen, dass die Regierung Stalins weniger Solidarität für die Männer in Deutsch­land gezeigt (hat), die für sie kämpften und litten, als z.B. die amerikanischen Juden für ihre in Deutschland verfolgten Glaubensgenossen.« (Victor Schiff, Anfang 1933)[1]

Eine globale historische Niederlage …

Der Machtantritt der Regierung Hitler am 30. Januar 1933 war als welthisto­rische Katastrophe ein Periodenwechsel der politischen Geschichte und, mit globalen Folgen, zugleich eine besondere Tragödie für die Arbeiterbewe­gung und die sozialen Bewegungen in Deutschland.[2] Sie beendete definitiv den historischen Zyklus des Arbeiterbewegungs-Marxismus seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und war zugleich, nach den Ereignissen in Deutschland 1923 und in China 1926, die katastrophalste Niederlage von KPD, Komintern und der Sowjetunion.[3]

Mit ihren Fehlern und Unterlassungen und zugleich den Methoden zur Rechtfertigung hätten sich die beiden großen deutschen Arbeiterparteien, SPD und KPD, »[…] ihre Henker selbst groß [gezogen]«.[4] Dies schrieb ohne jeden Anflug von Schadenfreude der Katholik Werner Thormann, Zentrums­mitglied und späterer Chefredakteur der von Willi Münzenberg in Paris he­rausgegebenen Wochenzeitung Die Zukunft. Die kampflose Niederlage der größten, am besten organisierten und teilweise sogar bestbewaffneten Arbei­terbewegung der Welt sei entstanden aus »dem Bürokratismus der antifa­schistischen Parteien und Organisationen« sowie der »in ihnen ausgeübte[n] Apparatdiktatur […], die entgegen der Sehnsucht der Massen die Einheit der Aktion verhinderten und damit die letzte und entscheidende Ursache der Niederlage wurden«.[5]

Noch konsequenter urteilte der verstoßene Prophet Trotzki, der den 30. Ja­nuar 1933 – in Analogie zur Bewilligung der Kriegskredite durch die SPD und dem »Burgfrieden« der sozialistischen Parteien der Zweiten Internatio­nale vom August 1914 – zum historischen Wendedebakel des offiziellen Par­teikommunismus bzw. des Stalinismus erklärte. Nun sei der Aufbau einer neuen kommunistischen Partei und einer neuen revolutionären Internatio­nale erforderlich. Gar nicht so weit entfernt von dieser Einschätzung war der glühende Stalin-Anhänger, das KPD-Politbüromitglied Hermann Remmele, der die Parteiführung kollektiv für die »größte Niederlage des deutschen Proletariats seit 1914«[6] verantwortlich machte.

Das Winogradow-Treffen

Am 22.2.1933,[7] fünf Tage vor dem Reichstagsbrand, fand auf Bitten des Chefredakteurs des Vorwärts und Mitglieds des Parteivorstandes der SPD, Friedrich Stampfer, ein Gespräch mit Boris Winogradow statt, an dem auch der außenpolitische Redakteur des Zentralorgans der deutschen Sozialdemokratie und kosmopolitische linke Sozialdemokrat Victor Schiff teil­nahm. Winogradow war erster Sekretär und Leiter der Presseabteilung der Bevollmächtigten Vertretung der UdSSR in Berlin Unter den Linden.

Die beiden sozialdemokratischen Politiker und Journalisten wollten auf eigene Initiative sondieren, ob nicht doch noch ein gemeinsames Vorgehen von SPD und KPD bzw. der Komintern möglich wäre, um eine weitere Festi­gung der Hitlerregierung und den zu erwartenden Horror blutiger Zerschla­gung der Arbeiterbewegung und allgemeiner Repression zumindest abzu­mildern. Die wichtigste Vorbedingung war, dass nicht nur die SPD-Führung, sondern vor allem Stalin und die politische Führung der Sowjetunion dazu grünes Licht gaben.[8]

Im Verlauf des Gesprächs lehnte Winogradow alle Ansinnen der Sozial­demokraten strikt und prinzipiell ab,[9] für die es den »Zusammenbruch einer Welt« bedeutet haben muss,[10] dass der Vertreter der Sowjetunion eine sozial­demokratisch-kommunistische Einheitsfront in letzter Minute kategorisch aus­schloss. Als die Sozialdemokraten die negativen Folgen einer Ablehnung des von beiden vorgeschlagenen »Nichtangriffspakts« zwischen SPD und KPD deutlich machten, antwortete Winogradow, »dass das gewiss sehr bedauerlich sein würde, aber er müsse ehrlicherweise bestätigen, dass die Kommunis­ten bis zur Erreichung ihrer eigenen Ziele weiterkämpfen würden, eventuell allein.« Die KPD hielt er für fähig, »den von ihr angekündigten Kampf gegen den Faschismus allein […] zu führen.«

Schiff notierte den weiteren Gesprächsverlauf wie folgt: »Stampfer stellte mit Bedauern fest, dass das Gespräch bewiesen hätte, dass bei einer solchen Auffassung der Lage und der Ziele jede Unterstützung einer aufrichtigen Einheitsfront durch die Männer in Moskau, die der K.P.D.-Zentrale die ent­scheidenden Befehle zu geben hätten, aussichtslos sei. Z. [d. i. Boris Winogradow] bestätigte dies, fügte jedoch begütigend hinzu: ›Das, was ich Ihnen heute sage, ist die jetzige Meinung in Moskau. Es wäre immerhin denkbar, dass bei weiterer Zuspitzung der Lage, wenn die Gefahr noch größer wird, Moskau seine Haltung zu dieser Frage revidiere.‹« Darauf Schiff weiter: »Wir sagten, beide zu gleicher Zeit: ›Was? Noch größere Gefahr? Ist sie denn noch nicht gross genug? Was soll denn noch geschehen, damit man in Moskau der K.P.D. erlaube, sich mit uns ehrlich zu verständigen.‹«[11]

Sogar die von der SPD-Seite vorgetragene eindringliche Bitte, die Sow­jetunion möge doch den verfolgten deutschen Kommunisten, also den eige­nen Genossen, helfen, lehnte der Pressesprecher der Sowjetunion in Berlin, der zugleich als Agent Mitarbeiter der Residentur der Internationalen Abtei­lung der OGPU bzw. später des NKWD war, mit dem Hinweis auf die strikte Nichteinmischungspolitik der Sowjetunion in die inneren Verhältnisse NS-Deutschlands kategorisch ab. Die Verfolgung werde von sowjetischer Seite als innere Angelegenheit Deutschlands betrachtet, und überhaupt verspre­che sich die UdSSR von Hitlers Machtantritt den schnellen Untergang des deutschen Kapitalismus.

Hier der dramatische weitere Gesprächsverlauf: »Damit die Unterredung doch nicht völlig zwecklos gewesen sei, brachte ich noch das Gespräch auf folgenden Tatbestand. Das Verbot der K.P.D. und die Annullierung ihrer Mandate wurden damals in der Rechtspresse ganz ungeniert erörtert. Ge­rade in den Tagen zuvor hatten die ›Deutsche Allgemeine Zeitung‹ und die ›Börsen Zeitung‹ fast mit den gleichen Worten, also anscheinend von der Wilhelmstrasse inspiriert, zum Ausdruck gebracht, dass die Vernich­tung des Kommunismus in Deutschland keinerlei Rückwirkungen auf das deutsch-russische Verhältnis haben würde, dass die Sowjet-Regierung da­raus ›selbstverständlich‹ keinerlei aussenpolitische Konsequenzen ziehen würde, und dergleichen mehr. Ich machte nun Z. darauf aufmerksam, dass es doch dringend notwendig wäre, wenn von russischer Seite, mindestens von der ›Prawda‹ und der ›Iswestija‹ gegen diese zynische Behauptung Stel­lung genommen werde. Denn das Schweigen der russischen Blätter werde von der Reichsregierung als Bestätigung aufgefasst und förmlich als eine Aufmunterung zum Vorgehen gegen die K.P.D. empfunden werden. Ob er, Z., nicht schleunigst veranlassen könne, dass in der Moskauer Presse gewarnt werde, dann würde das Berliner Auswärtige Amt vielleicht das Schlimmste gegen die deutschen Kommunisten im Interesse der Rapallo-Politik verhindern. Zu meinem Erstaunen sagte mir Z. kategorisch, die Moskauer Presse werde bestimmt zu diesen Erklärungen der genannten Berliner Blätter keine Stellung nehmen. Sie müsse sich sehr davor in Acht nehmen, auch nur den Anschein der Einmischung in die innerdeutschen Verhältnisse zu erwecken.«[12]

Dass Winogradow damit auch die Unterdrückung der deutschen Brü­der und Schwestern adressierte, geht aus dem Disput hervor, der am Ende des Gesprächs entstand: »Darauf erklärte ich [Victor Schiff] innerlich em­pört: »Gut, dann werde ich im ›Vorwärts‹ schreiben, dass die ›D.A.Z.‹ und die ›Börsen-Zeitung‹ sehr wünschten, dass vielmehr eine Vernichtung der K.P.D. nicht ohne Wirkung auf die öffentliche Meinung in der Sowjetunion bleiben könnte und dass im Gegenteil eine gründliche Abkehr Moskaus von der Rapallo-Politik und damit eine weitere Isolierung Deutschlands un­vermeidlich werden würden.‹ Darauf erfolgte die kurze, aber phantastische Antwort des bolschewistischen Diplomaten Z: ›Ich bitte Sie dringend, nichts dergleichen im »Vorwärts« zu schreiben.‹«[13]

Eine zeitgeschichtliche Bombe

Dass es sich um eine historisch bemerkenswerte Initiative der beiden So­zialdemokraten handelte, hatte in den 1950er Jahren bereits Erich Matthias herausgestellt.[14] Henryk Skrzypczak griff das Thema Mitte der 1990er Jahre in einer großen Untersuchung wieder auf. Die spektakulären Äußerungen Winogradows über das Verhältnis der Sowjetunion zu Hitlerdeutschland, die bis heute eine zeitgeschichtliche Bombe darstellen, wurden jedoch nicht ausreichend fokussiert.[15]

Dabei zeitigte das Gespräch auch Reaktionen seitens der KPD-Führung. Dies schrieb Stampfer allerdings erst neun Monate später in einer gegenüber dem unveröffentlicht gebliebenen Artikel des außenpolitischen Vorwärts-Redakteurs Victor Schiff stark abgemilderten Darstellung: »Die letzte der Unterhaltungen der vorerwähnten Art hatte ich einige Tage vor dem Reichs­tagsbrand. In ihr wurde mir in unzweideutiger Weise zu verstehen gegeben, daß Moskau mit dem Faschismus in Deutschland als einem unvermeidlichen Entwicklungs-und Übergangsstadium rechne und daß ich darum von dort her – wenigstens zur Zeit – kein Verständnis für meine Gedankengänge zu erwarten hätte. […] Zu meiner großen Überraschung ließ mir Dr. Neubauer am Vormittag des Montag, den 27. Februar, mitteilen, daß die Schlüsse, die ich aus jener Unterredung gezogen hätte, irrig seien und daß er und seine Freunde den Wunsch hätten, sich mit mir über denselben Gegenstand zu unterhalten. Zu dieser Unterhaltung erklärte ich mich bereit, und man kam dahin überein, daß sie am Dienstag, dem 28. Februar, im Reichstag stattfin­den sollte. Lubbe und seine Drahtzieher haben es anders gewollt […]«[16] Das Gespräch sollte infolge des Reichstagsbrandes nicht mehr zustande kommen, auch der Artikel wurde nie veröffentlicht, höchstwahrscheinlich auf Betrei­ben Stampfers selbst.

Das Winogradow-Treffen ist eines der frühesten Anhaltspunkte für die offiziös zum Ausdruck gebrachte neutrale bis freundliche Haltung der Sow­jetunion gegenüber dem Nationalsozialismus. Stalin war am Schicksal der Arbeiterbewegung und aller Hitlergegner offensichtlich völlig desinteressiert. Bestätigt sich hier nicht, wie später von dem in Westeuropa tätigen Offizier der sowjetischen Militärspionage GRU Walter Kriwitzki angenommen, dass Stalin im Geheimen ein Bündnis mit NS-Deutschland verfolgte? Zu dessen 1939 in Buchform veröffentlichten Enthüllungen[17] schrieb Trotzki unter Anspielung auf die Phase der antifaschistischen Volksfront der Jahre 1935–1938: »Vom ersten Tag des nationalsozialistischen Regimes an zeigte Stalin systematisch und nachdrücklich seine Bereitschaft zur Freundschaft mit Hitler. Mitunter geschah dies in Form offener Erklärungen; häufiger aber in Andeutungen, in tendenziösem Schweigen oder – umgekehrt – in Form von Betonungen, die die eigenen Bürger nicht bemerken konnten, ihren Adressaten hingegen unfehlbar erreichten. […] Erst als Hitler mehrmals äußerst feindlich reagierte, setzte in der sowjetischen Politik ein Umschwung auf die Seite des Völker­bundes, der kollektiven Sicherheit und der Volksfront ein. Die neue diplo­matische Melodie, untermalt von den Trommeln, Pauken und Saxophonen der Komintern, wurde im Laufe des letzten Jahres für das Trommelfell immer gefährlicher. Aber in Momenten der Stille waren darunter jedesmal leisere, leicht melancholische, intimere Noten zu hören, die für die Ohren Berchtes­gadens bestimmt waren. In dieser scheinbaren Ambivalenz liegt fraglos ihre innere Einheitlichkeit.«[18]

Bereits vor Jahrzehnten äußerten Osteuropaforscher wie Georg von Rauch, noch ohne die heute vorliegenden Archivfunde, dass die deutschen Kommu­nisten auf dem Altar des Stalinschen good will mit Hitlerdeutschland geop­fert wurden: »Hitler ließ zwar Göring rüsten, doch für seine Person verließ er sich darauf, dass Stalin, der ein Sowjetdeutschland keinesfalls gewollt hatte, stillhielt und ihm freie Hand ließ gegen die deutschen Kommunisten, die ver­geblich auf den Startschuss zum Losschlagen warteten.«[19]

Als Ergebnis der Archivrevolution lässt sich heute nachweisen, dass das höchste Machtorgan der Sowjetunion zu den politischen Verfolgungen der Kommunisten, Sozialdemokraten und Linken, die durch die Reichstags­brandprovokation legitimiert wurden, schwieg.[20] Eine im Rahmen der Edition »Deutschland–Russland–Komintern, 1918–1943« durchgeführte Überprüfung der deutschlandrelevanten Beschlüsse ergab, dass in den Protokollen des so­wjetischen Politbüros in den Jahren 1932 und 1933, ja bis über 1934 hinaus keine grundsätzlich gegen das nationalsozialistische Deutschland gerichteten Entscheidungen ausgewiesen sind.[21] Nicht einmal gegen die Durchführung des Reichstagsbrandprozesses als solcher erfolgte ein Protest, obwohl die so­wjetische Führung von der NS-Täterschaft überzeugt war.[22]

Auch die völlige Geheimhaltung der deutschlandbezogenen Beschlüsse vermag an dieser Richtungsentscheidung grundsätzlich nichts zu verändern, sie konkretisiert sie bestenfalls. Neben den bis 1941 nie unterbrochenen Be­ziehungen durch informelle Kontakte diffamierte die Komintern bis Ende 1934 vielmehr – statt den NS-Terror gegen deutsche Kommunisten bedingungs­los anzuprangern und Initiativen für eine einheitliche Front aller Hitlergeg­ner zu ergreifen – die Sozialdemokratie weiterhin als »sozialfaschistischen« Hauptfeind. Trotz der verheerenden Folgen des Reichstagsbrandes lieferte der seinerzeit wichtigste Mann der Komintern, Dimitri Manuilski, auf einer außerordentlichen Sitzung des Komintern-Präsidiums über die sog. »Einheits­front in Deutschland« am 28.2.1933 eine scheinrevolutionäre Camouflage der sowjetischen Politik: Die Situation sei so günstig wie lange nicht mehr, ja sie sei ein Zeichen des »revolutionären Aufschwungs«.[23]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H.&1nbsp;-2017 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2017