Nein, auch das Jahr 1969, als Willy Brandt Kanzler wurde, war nicht einfach für sämtliche Bürger der Bundesrepublik Deutschland ein Jahr des Aufbruchs, der lang ersehnten Gesellschaftsreformen und Demokratisierungsschübe. Schließlich waren die Parteien der neuen sozialliberalen Koalition gerade auf 48,5 Prozent der Wähler gekommen. Auf die Parteien rechts davon waren hingegen rund zwei Prozent mehr Stimmen entfallen. Aber als kulturell allmählich dominierender Trend in den stimmungsprägenden Schichten des Landes waren der Gestaltungs- und Veränderungsoptimismus, die Demokratisierungsverve und der Drang nach neuen, entspannten Beziehungen auch zu den Ländern des Ostens doch unschwer zu identifizieren. Zwanzig Jahre später, am Ende des Jahres 1989, wurde der pralle Optimismus noch deutlicher zur Schau gestellt. Immerhin hatte man im Herbst den Fall der Mauer, die friedlichen und erfolgreichen Emeuten in Osteuropa gegen die in jeder Beziehung erstarrte Nomenklatura des Staatskommunismus erlebt. Zum Interpreten dieses Moments wurde der amerikanische Politologe Francis Fukuyama, der die Ergebnisse des Jahres gewissermaßen hegelianisch zur gelungenen Bilanz der Erfahrungen des 19. und 20. Jahrhunderts ontologisierte: als finalen Sieg des Liberalismus, des Parlamentarismus, der Freiheit, auch des sozialstaatlichen Ausgleichs, des Westens schlechthin, während dessen Gegner – Faschisten, Kommunisten, neuerdings auch islamische Fundamentalisten – eine unumkehrbare Niederlage hatten hinnehmen müssen.[1]

Und 1979, der Jahrzehntabschluss, der zwischen 1969 und 1989 lag? Wie präsentierte sich das geistige Klima in diesem Jahr in der Bundesrepublik? Anders als zehn Jahre zuvor und auch anders als eine Dekade später sehr viel weniger kess zuversichtlich, viel durchwachsener, erheblich unsicherer …

Anmerkungen:

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 1-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016