Herr Prof. Jesse, Sie haben ein Buch über deutsche Politikwissenschaftler herausgegeben. Da liegt die Frage nahe, was einen guten Politikwissenschaftler eigentlich auszeichnet?

Es ist zu unterscheiden zwischen einem guten Politikwissenschaftler an der Universität, also dem Hochschullehrer, und einem guten Politikwissenschaftler in den Medien, in staatlichen Institutionen, in der Politikberatung, der politischen Bildung sowie anderen Bereichen jenseits von Forschung und Lehre. Ich konzentriere mich auf die Wissenschaft. Einer meiner Sätze, die ich oft und gerne wiederhole, lautet: »Politikwissenschaft ist nicht die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.« Ein guter Hochschullehrer sollte Distanz zur Parteipolitik wahren, originell sein, Produktivität auf verschiedenen Gebieten an den Tag legen, in die Tiefe gehen, Analyse- und Urteilskraft besitzen. Dass Werke derartiger Wissenschaftler rezipiert werden, weil sie Neues gebracht haben, versteht sich: zum Beispiel – um nur »Heidelberger « mit ihren Referenzwerken zu nennen – Carl Joachim Friedrich, der den Totalitarismusbegriff systematisiert hat, Dolf Sternberger dank seiner »Drei Wurzeln der Politik«, Klaus von Beyme und seine vergleichend angelegte Habilitationsschrift zu den parlamentarischen Regierungssystemen, Dieter Nohlen, dessen Definition der Wahlsysteme, bezogen auf die Unterscheidung zwischen Repräsentations- und Verteilungsprinzip, weiterführend ist, Manfred G. Schmidt mit seinen Schriften zum »mittleren Weg« Deutschlands oder Wolfgang Merkel zur Systemtransformation. Diese Arbeiten, vielfach übersetzt, haben auch außerhalb Deutschlands für Furore gesorgt. […]

Das Gespräch führten Felix Butzlaff und Matthias Micus.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 1-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016