Die Ausstrahlung der amerikanischen Fernsehserie »Holocaust« in der Bundesrepublik im Januar 1979 wurde bereits von Zeitgenossen wie Heinrich Böll als Zäsur der bundesdeutschen Erinnerungskultur betrachtet und gegen ihre Kritiker gerechtfertigt: »Arroganz gegenüber Emotion ist nicht angebracht.«[1] Seitdem hat sich das Bild verfestigt, die Serie als eigentlichen Auftakt für den Übergang »vom Beschweigen zur Medialisierung« und für die heute dominante Zentrierung der bundesdeutschen Erinnerungskultur um den Mord
an den europäischen Juden zu betrachten.[2] Doch lässt sich die Auseinandersetzung mit den nationalsozialistischen Verbrechen so klar in eine Zeit vor und eine Zeit nach »Holocaust« teilen?

Ohne Zweifel stellte »Holocaust« als internationales Medienereignis einen Schub in der Globalisierung des Erinnerns und für die Transformation der bundesdeutschen Erinnerungskultur dar, der zusammen mit seiner multi- und transmedialen Kommentierung und Begleitung mit wenig anderen erinnerungskulturellen Verdichtungsphasen nach 1945 vergleichbar ist […]

Anmerkungen:

[1] Zit. nach Paul Karalus, Gegen die Arroganz der Puristen, in: Süddeutsche Zeitung, 19.11.1982.

[2] Vgl. Gerhard Paul, Vom Beschweigen zur Medialisierung. Über Veränderungen im Umgang
mit Holocaust und Nationalsozialismus in der Mediengesellschaft, in: Ders. u. Bernhard Schoßig (Hg.), Öffentliche Erinnerung und Medialisierung des Nationalsozialismus. Eine Bilanz der letzten dreißig Jahre, Göttingen 2010, S. 15–38
, hier S. 16 f.

Seite ausdrucken

Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 1-2016 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2016