Vielen Russen erscheinen die 1990er Jahre im Rückblick als Phase des Chaos und des Verlusts von Vertrauen in den Staat, als Periode einer gravierenden und andauernden Gefährdung des Lebensstandards und einer sich ausbreitenden Kriminalität. Das Ende der Sowjetunion 1991 bedeutete den Verlust der Stellung als Welt- und Industriemacht und wird heute als Beginn einer Zeit von nationalen Demütigungen angesehen. Russland stürzte ökonomisch auf das Niveau eines Schwellenlandes ab, das unter dem Diktat der Weltbank Kredite bezog. Hatte die Gruppe um Gorbatschow ihre Politik in dem Verständnis betrieben, durch die Überwindung des Blockdenkens zu einer neuen, friedlichen Weltordnung überzugehen, betrachteten die USA das Geschehen als Kapitulation infolge des erfolgreichen »Totrüstens« und gerierten sich gegenüber der Atommacht Russland, als seien sie die strahlenden Sieger des Kalten Krieges.

Diese Abstiegserfahrungen überschatten in der Erinnerung auch die davor liegende Phase unter Gorbatschow. […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 1-2015 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2015