Die Zeugnisse, die den Sozialdemokraten seit einigen Jahren europaweit ausgestellt werden, verheißen keine strahlende Zukunft. Der italienische Linguist und Kulturphilosoph Raffaele Simone etwa macht den »spektakulären intellektuellen Niedergang ihrer Führungsschicht«[1] für die gewaltige Depression der demokratisch-sozialistischen Linken verantwortlich. In dem Maße, in dem der intellektuelle Diskurs der Sozialdemokratie erschlaffe, in dem Maße lösten sich auch das »Volk« und die Klassensolidarität der Linken auf. Denn ein Kollektiv, so zuletzt der französische Soziologie Bruno Latour, trete nur dann handelnd in Aktion, wenn es für die drängenden Probleme »die richtige Metapher« verfügbar habe, eine »aide pensée« gewissermaßen.[2]

In der Tat findet man das Beziehungsgeflecht von Klassenbildung, historischem Selbstbewusstsein und intellektuellen Deutungsofferten bereits in der Konstituierungsphase von Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie. […]

Anmerkungen:

[1] Raffaele Simone, »Die Linke hat keine Kraft mehr«, in: die tageszeitung, 6.5.2009.

[2] Vgl. Désirée Waibel, Es bleibe, wie es ist, in: Süddeutsche Zeitung, 4.6.2011.

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 0-2011 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2011