Es ist schwierig, die Stichhaltigkeit gewisser Begriffsmoden abzuschätzen. Das gilt insbesondere für den Terminus Intellektuelle, scheint uns doch die Rede vom Intellektuellen mittlerweile seltsam altertümlich. Gerade in Deutschlandfällt es schwer, das Verhältnis von Intellektuellen und Politik adäquat und vor allem zeitgemäß zu beschreiben. Dies hat vielleicht damit zu tun, dass man die Intellektuellen am heroischen Maßstab ferner Vorbilder misst oder ihnen politisch ohnehin nicht mehr viel zutraut. Während Helmut Schelsky in den 1970er Jahren noch das Schreckensbild einer Priesterherrschaft der Intellektuellen zeichnete oder Kurt Sontheimer deren »Elend« beklagte1, hat sich heute die Furcht vor einem Regiment der Intellektuellen verfl üchtigt. Die Klage darüber, dass der Einfl uss der Intellektuellen im Schwinden begriffen sei, unterstreicht mittlerweile unsere Gewohnheit, den Intellektuellen im Niedergang zu sehen.[2] Allenthalben stößt man deswegen auf Reanimationsversuche des politischen Intellektuellen, dessen Orientierungshilfe als notwendige moralische Instanz die Gesellschaft nun anscheinend besonders bedarf. So lässt sich das fast schon tragisch zu nennende Schicksal des Intellektuellen darin begreifen, dass sein Platz nie gesichert scheint: Nimmt er Einfl uss, fällt er zur Last und weckt Ressentiments als praxisferner Wichtigtuer; bleibt er unauffällig, so kommt er seiner Rolle als kritischer Mahner nicht nach, und die Klage wird erhoben, dass es niemanden mehr gebe, der sich ums große Ganze kümmere.

Das Dilemma des öffentlichen Intellektuellen steht im unmittelbaren Zusammenhang mit seinem – notwendigerweise – maßlosen Anspruch. […]

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Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 0-2011 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2011