Intellektuelle treibt eine innere Berufung zum Schreiben und zu öffentlichen Wortmeldungen. Mit »Kritik als Beruf« hat der Soziologe Lepsius ihre gesellschaftliche Rolle gekennzeichnet.[1] Diese siedelte häufig in Freiräumen zwischen »Wissenschaft als Beruf« und »Politik als Beruf« im Doppelsinne Max Webers: Berufsarbeit und zugleich innerer »Beruf« zu solcher Tätigkeit. »La protestation des intellectuels« wurde 1898 zum – sozial abgrenzenden – Stichwort in der französischen Dreyfus-Krise.[2] Die Unterschriften von circa 2.000 Persönlichkeiten des geistig-kulturellen, akademischen und politischen Lebens richteten sich gegen eine offenbar antisemitisch motivierte Strafverhängung. Kurz zuvor hatte der Schriftsteller Emile Zola mit seiner öffentlichen Anklage einen Justizskandal gebrandmarkt. Dieses Vorbild inspirierte unter anderem Heinrich Mann, rief jedoch auch dessen Bruder Thomas mit seinen »Betrachtungen eines Unpolitischen« (1918) zur wortreichen Abwehr. Dort wurde noch das künstlerische Schaffen des Schriftstellers gegen das politisierende Literatentum ausgespielt. Der Gesinnungswandel eines Kulturtraditionalisten wie Thomas Mann zum öffentlichen Bekenntnis zugunsten der Weimarer Republik ist ein Symbol der Epochengrenze. Allerdings konnte im Schatten des Versailler Vertrags der allzu sehr französisch geprägte Begriff des Intellektuellen noch nicht gedeihen. Das änderte sich erst nach 1945, als man die Stichworte zur geistigen Situation der Zeit auch im gewollten Abstand zu deutschen Erblasten suchte. […]

Seite ausdrucken Download als pdf

Quelle: INDES. Zeitschrift für Politik und Gesellschaft, H. 0-2011 | © Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen, 2011